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Orange ville |
Orange ist ein eher
kleiner (30.000 Ew.) Ort in der Provence, heute politisch rechts, mit
ein paar Sehenswürdigkeiten – vor allem römische – und einer
reizvollen Umgebung (Gorges de Ardèche). Den schönen Namen
trägt er eher aus Zufall: Eigentlich hieß der Ort Arausio,
nach einem keltisch-ligurischen Wassergott. Das jedenfalls weiß
Wikipedia zu berichteni.
Jedenfalls war Orange der Schauplatz einer Schlacht (105 v.Chr.)
zwischen Kimbern und Teutonen: Germanen, also nicht einmal Kelten! Egal:
im Laufe der Zeit wurde aus Arausio schließlich Orange,
durch lautliche Angleichung (vielleicht auch wegen dem französischen
Wort or, “Gold“) und zu dem Thema gleich mehr.
Orange wurde unter
den Römern eine wichtige Provinzstadt (um es einmal etwas
widersprüchlich zu formulieren); 412 (jetzt n.Chr.) von den
Westgoten eingenommen und fürderhin ein Bischofssitz der
christlichen Kirche, woselbst die Synode von Arausio stattfand. Der
geneigt Leser wird sich erinnern: Das war jene Kirchenversammlung, auf der
mit dem Pelagianismus ein für allemal aufgeräumt wurde. Doch wir schweifen
ab!
Die Diözese wurde
Titular-Diözese – das heißt, sie existierte (bis 1801), aber nur
noch virtuell – und verlor an Bedeutung. Orange wurde zum
Fürstentum Orange im Heiligen Römischen Reich und 'fiel', wie man
so schön sagt, im Frieden von Utrecht 1713 an das Haus Nassau. Nanu?
Werden Sie jetzt argwöhnen: die Hauptstadt der Bahamas?! Sie wundern
sich zurecht: Das Nassauii,
das hier gemeint ist, liegt an der Lahn, nicht in der Karibik.
Bei der Entwicklung
des niederländischen Königshauses war einer der führenden Köpfe
des Widerstands gegen die spanische Oberherrschaft (Was Herr Prof.
Schilleriii
in Weimar den“Abfall der vereinigten Niederlande“ nannte), Willem
de Zweijger (der Schweiger) zum Begründer der Dynastie
geworden, die sich heute noch Oranje-Nassau nennt, obwohl sie keinen
Anspruch auf das südfranzösische Fürstentum mehr erhebt.
Dieses war mit der
Französischen Revolution wieder französischiv
geworden und verschwindet jetzt erst mal aus unserer Erörterung.
Spannender ist aber
die Frage: Wo bleibt das 'n' vom Wortanfang? Das werden Sie jetzt
nicht glauben: Das blieb am Artikel kleben! Zwar nicht im Deutschen,
aber im Englischen und im Französischen war wohl die ursprüngliche
Form un norange bzw. a norange,
und allmählich fasste man den Nasallaut nicht mehr als Teil des
Substantivs auf, sondern als Schluss-n des unbestimmten Artikels,
also un orange, bzw. an
orange.
Diese Erscheinung
nennen die Linguisten Rebracketing. Eine extreme Form dieser
falschen Worttrennung stellen übrigens die zahllosen Wörter dar,
die arabischen Ursprungs sind und mit Al- beginnen, wie z. B.
Alkohol, Algebra und so weiter. Hier wurde in vielen abendländischen
Sprachen der ganze Artikel (al) dem Substantiv zugeschlagen.
Oder el lagarto, wie die Spanier ein Tier – eigentlich ja
„Eidechse“ - nennen, das in anderen Sprachen Alligator
wurde. Das nur am Rande.
Übrigens: die
Orange heißt im Spanischen naranja. Das 'n' ist da, wo es
hingehört.
Europa lernte die
Frucht zwischen Spät und -mittelalter kennen, und meist auch die
Farbe dazu. Da fragt man sich natürlich gleich, wie unsere Vorfahren
den Farbton nannten, bevor ihnen die Frucht unterkam. Nun, da gibt es
einige Möglichkeiten, etwa gelbrot oder rotgelb, karottengelb oder
gülden oder dergleichen.
Unsere germanischen
Vorfahren übernahmen oft die Farbbezeichnung, aber nicht den Namen
der Frucht. Eingedenk ihres exotischen Ursprungs – Orient, China
gar! - nannte man sie “Apfel aus China“, “Apfelsine“. Genau
genommen wurde im Mittelalter zuerst die bittere Form der Orange, die
sogenannte Pomeranze (von lat. pomum aurantium, “goldener
Apfel“) im Abendland eingeführt und erst später, im 15.
Jahrhundert, die Orange, wie wir sie heute kennen. Noch Goethe
dichtet im Lied der Mignon “Kennst du das Land, wo die Zitronen
blühn,/ Im dunklen Laub die Goldorangen glühn,...“
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Kumquats |
Kumquats |
Ob Goldorange oder
Pomeranze, Grapefruit oder Pomelovi,
Zitrone, Limette oder Kumquat – das sind jeweils verschiedene
Varianten derselben verlockend-leuchtenden Frucht.
P.S. Haben Sie's
gemerkt? Ein ganzer Artikel über Orange und kein Wort über die Oranje elftalvii
!
Die Fußnoten:
iWeder
Bernard Maier, Lexikon der keltischen Religion und Kultur, Stuttgart
1994 , noch Green, The Gods of the Celts, Godalming 1986, kennen
diese Gottheit. Wahrscheinlich der Gott eines kleinen
Fließgewässers.
iiGanz
im Gegenteil: Nassau auf den Bahamas wurde nach Nassau-Oranien
benannt; ebenso der spätere Oranje Vrijstaat in Südafrika
iiiJa,
genau der! Johann Christoph Friedrich von Schiller (1759-1805)
ivBei
näherer Betrachtung ist dem nicht so einfach...Wann, und in welchen
Grenzen ist Frankreich auch wirklich Frankreich?
vGern
auch (etwas unschön) stimmlos / ʃ /. Eindeutig falsch aber: „ein
orangschenes Kleid.“
viDie
Bezeichnungen sind nicht immer eindeutig und etymologisch oft
unklar. So hat z.B. die Grapefruit offenbar etwas mit grape,
“Traube“ zu tun – aber was? Ihr deutscher Name, Pampelmuse,
könnte von einem tamilischen Wort abgeleitet sein, so Wikipedia,
vielleicht aus dem Holländischen, wo es dann “dickes Stück
[einer Zitrusfrucht]“ hieße...Auch die Früchte werden gern
durcheinandergebracht: Die Orange sei eine Kreuzung Mandarine x
Pampelmuse; Orange x Pampelmuse sei Grapefruit, oder auch Pomelo.
Zitrone hingegen sei Pomeranze x Zedrate (=Zitronatzitrone); die
Limette ist nicht ganz dasselbe wie Limone (obwohl Limette nur
“kleine Limone“ bedeute. Und übrigens: die Kumquat ist eine
kleine Pomeranze..
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