Mal was über Orange.

Orange?

Sonntag, 14. Juni 2015

Krieg

Aus Goyas Bilderzyklus Desastres de la guerra (1810-1820

Streit, von Althochdeutsch strīt: bewaffneter Wettstreit. Überraschenderweise ist das Wort, das dabei bevorzugt genommen wird, aus dem Germanischen: Krieg ist Wirrnis, werra, war.
Ein regelrechter Exportschlager! Wie übrigens auch Helm (helmet, yelmo, elmo etc.) oder Blitzkrieg (!! - Im Englischen hat man davon sogar ein Verb abgeleitet, to blitz). Oder Panzer. Hier ist es das Ding an sich (z.B. als 'Leopard 2' von Krauss-Maffei), nicht das Wort: Dieses Wort kommt z.B. im Französischen, Spanischen oder Italienischen aus dem Englischen (tank, tanque, vom englischen tank)i.

Aber: Das englische war entstand aus Altenglisch wyrre, AFrz. were, vom (germanischen!) werre, ist verwandt also mit verwirren, schon im Indogermanischen *-wers: "durcheinanderbringen, verwirren". Aber nicht nur das englische war kommt aus dem Germanischen, sondern auch die spanische, italienische und prtugiesche Entsprechung zu "Krieg": guerra. Und natürlich la guerre im Französischen.

Im Isländischen sagt man hernaður, öfter auch stríð, "Streit", ófriður, "Unfrieden". ii
Schwed., Norwegisch und Dänisch heißt der Krieg wie bei uns: krig, aber im Niederländischen oorlog, was wiederum auf ein altgermanisches Wort für Schicksal, uzliuga, zurückgeht. Das -log (bzw. liuga) hängt zusammen mit "liegen" und "legen"; oor- (uz-) bedeutet etwa "von, weg von". Eine Art Beschreibung des Unfriedens als Schicksal, das einem gelegt (=auferlegt) ist. Auch im Altnordischen existierte ein ähnliches Wort, ørlygi, das aber auf der Walstatt geblieben scheint. (Falls Sie sich jetzt fragen, was das nun schon wieder heißen soll: bitte ein klein wenig Geduld!) Synonym sind strijd und krijg. Streit ist hier übrigens weniger der "Zank", als der "Wettstreit der Waffen", und die Etymologie von Kri(e)g wird erst noch zu (er)klären sein.

Zunächst erst einmal Walstatt. Denken Sie an Walhalla, die Halle, in der Odin, a.k.a. Wotan oder Woden, die in der Schlacht gefallenen Krieger begrüßt. Keine zweiundsiebzig (oder waren das siebenundzwanzig?) Jungfrauen also, aber den Abtransport der Gefallenen ebenso wie deren Versorgung mit Met nach ihrem Tod oblag den Walküren, valkyrjar. Die erste Silbe des Namen, Wal-, oder valr, bedeutet den Ort der Schlacht, eben die Walstatt. Ursprünglich ein Wort von vielen (z.B. wîg, AN vega, besonders aber Kenningariii wie [übersetzt etwa:] "Schwertersturm", "Versammlung der Waffen" oder "Fütterung der Raben") die vor allem in der altnordischen Dichtkunst den Krieg beschreiben; zitiert sei hier einmal die sogenannte Ältere Edda:

hart er í heimi, hórdómr mikill,
skeggöld, skálmöld, skildir ro klofnir,
vindöld, vargöld, áðr veröld steypisk,
mun engi matr öðrum þyrma..

..Unerhörtes ereignet sich, großer Ehbruch.
Beilzeit, Schwertzeit, wo Schilde krachen,
Windzeit, Wolfszeit eh die Welt zerstürzt... (Völuspá; Übersetzung Simrock)iv

Doch warum heißt der Krieg so wie er heißt? Angeblich ein urgermanisches Wort, *krē₂gaz, aber das hilft nicht viel weiter. Esperanto übrigens auch nicht: da heißt der Krieg milito, etwa "hat was mit Militär zu tun," oder er heißt konflikto.

Was ist überhaupt ein "Krieg"?
Eine dreifache Unterscheidung scheint sinnvoll: Er ist eine Metapher, ein bewaffneter Konflikt (konflikto), und eine existenzielle Erfahrung, ein Zustand: skeggöld, Beilzeit.

Wenn jeder Ehekrach gleich als "Rosenkrieg" gilt und Nachbarn sich gerichtlich belangen, weil der eine partout seinen Rasen mähen will, wenn der andere seinen Mittagsschlaf hält, ist "Krieg" eine auch noch ziemlich dämliche Metapher. Noch dämlicher, wenn -wie Heraklit meint- der Krieg der Vater aller Dinge sein soll.
Ein "bewaffneter Konflikt" ist der Krieg, wenn Völker und Volksgruppen übereinander herfallen und dabei immer absurdere Mengen an Kriegsgerät und Waffen zum Einsatz bringen. Nebenbei: Es sind ja nie die Völker oder Volksgruppen, die einander von sich aus mit Krieg überziehen – nur wenn sie sich aufhetzen lassen (dazu dient allzuoft das unerbittliche Vorurteil, das sich den Mantel der Religion umhängt), nur dann fallen mitunter sogar Nachbarn übereinander her.
"Modern Warfare" im Computerspiel

Eine erschreckende Entwicklung ist dabei auch der Einsatz von Waffen"systemen", bei denen sich die kriegerische Handlung am Bildschirm des Soldaten abspielt (wo sie nicht mehr von einem computer-basierten war game zu unterscheiden ist), der vielleicht einen halben Globus weit weg in seiner sicheren Einsatzzentrale sitzt. Im Vietnamkrieg haben sich die amerikanischen Soldaten noch zugekifft, weil sie die Wirklichkeit ihres Einsatzes nicht mehr aushielten; in Afghanistan, im Irak oder heute in der Ukraine verschwimmen offenbar alle Grenzen zwischen gut und falsch, wir und die da drüben, Feind oder enemy combatant – комбатант ? чёрт ? wie auch immer das auf Russisch heißt. Wenn das die "Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln" (Clausewitz) ist – wie hirnrissig muss da die Politik sein?




„Battle of Lutzen“ von Carl Wahlbom - Swedish wikipedia. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons
Für die meisten Menschen ist der Krieg nicht mehr das, was er in vergangenen Jahrhunderten oft war, wenn eine blau uniformierte Armee (etwa von Preußen) auf irgendeinem Acker in Schlesien auf eine andersfarbige Armee (von, sagen wir einmal, Österreichern) traf, wo man so lange auf einander einschoss, bis einer aufgab; wo man in den Städten von fern Kanonendonner hörte, aber außer der Angst davor, dass das Kriegsgeschehen vielleicht näherkommen könnte, nicht wirklich betroffen war. .. Doch schon dieses Bild stimmt nicht; es wurde in unzähligen Historienfilmen gezeichnet und zeugt von einem Geschichtsverständnis, das Schlachten, Jahreszahlen und dynastische Erbfolgen aufzählt und die andere, weit grausamere Seite des Kriegs unterschlägt, wo einquartiert, requiriert und fouragiert wurde, den Bauern die Vorräte gestohlen, Haus und Hof niedergebrannt und Frauen und Kinder gequält und vergewaltigt wurden. Das waren die Desastres de la guerra, wie Goya sie zeichnete.


i  Die Sache ist noch komplizierter, denn bis in die Dreißiger hieß er schon auch bei uns Tank, dann Panzer, und jetzt einigermaßen offiziell PzKpfw (will sagen, Panzerkampfwagen)
ii Leider ist mir die Etymologie von hernaður nicht bekannt.
iiiKenningar sind feststhende poetische Metaphern in der altnordischen Dichtung; ähnlich wie heute im Deutschen "fahrbarer Untersatz" für Auto.
ivZum besseren Verständnis, v.a. des Ehbruchs, hier eine englische Version
Hard is it on earth, | with mighty whoredom;
Axe-time, sword-time, | shields are sundered,
Wind-time, wolf-time, | ere the world falls;
Nor ever shall men | each other spare.




Sonntag, 3. Mai 2015

Über Jahr und Tag

Über Jahr und Tag i



JANUAR ist benannt nach Janus, einem ansonsten weitgehend unbedeutenden Gott (des Anfangs und des Endes); einer der wenigen römischen Götter, die kein griechisches Pendant haben. Doppelköpfig ist er, schaut also ins alte Jahr zurück und ins neue voraus..



Am 6. des Monats feiern Christen etwas; das Dreikönigsfest (Sternsinger!) die einen, Weihnachten die anderen. Letztere sind orthodox und haben noch nicht auf den gregorianischen Kalender umgestellt. Diesen hatte Papst Gregor XIII eingeführt (AD 1582) um den julianischen Kalender zu korrigieren (der war immerhin von Iulius Caesar veranlasst). Da der Papst katholisch war, zogen protestantische und orthodoxe Gebiete nicht gleich mit: eine bemerkenswerte Ungleichzeitigkeit der europäischen Länder!



Am 27. Januar feierte das Volk der Deutschen "Kaisersii Geburtstag," warum auch immer. (Vgl im nächsten Monat President's Day und im April den 20).



FEBRUAR auf Walisisch "Chwefror" (das 'f' wird wie unser 'w' gesprochen): man spürt richtig die Eiseskälte. In Island friert man schon im November: "frermánaðr" ("Frostmonat") heißt der dort. Der Name Februar soll auf römische Reinigungsrituale zurückgehen.



Am 2. ist Mariä Lichtmeß, einer der zahllosen Marienfeiertage und Heiligentage im katholischen Kalender. Dieser 2. Februar war wichtig, da er ein Wandeltag für das Gesinde war: Man erhielt den Lohn der zurückliegenden Monate und konnte zu diesem Termin auch die Beschäftigung wechseln. Am 3. Montag feiern US-Amerikaner Presidents' Day, oder eigentlich Washington's Birthday. Naja, und Lincoln's Birthday auch noch.iii



Ansonsten ist Februar der Schaltmonat. Astronomisch gesehen ist das Jahr nämlich nicht 365 Tage lang, sondern 365 und ¼. Deshalb bekommt der Februar regelmäßig einen Tag angehängt, nämlich alle vier Jahre, und das sind dann die Schaltjahreiv. Warum aber wird der Schalttag im Februar eingefügt, und nicht am Ende des Jahres? Weil das neue Jahr ursprünglich im März begann (s.d.), und weil der Februar daher ohnedies kürzer war.



MÄRZ Die Iden des März bezeichneten einen der vier benannten Tage des römischen Kalender (die anderen hießen Kalenden, Nonen und Terminalien) die den Mondphasen zugeordnet waren: Iden = Vollmond). Von diesen Tagen zählte man zurück – soundsoviele Tage vor den Kalenden etwa...Im Jahre 44 v.u.Z. wurde Gaius Iulius Caesar an den Iden des März ermordet. Pünktlich.


aus einem alten Bauernkalender
 

Eine alte englische Bauernregel weiß über den März zu berichten: "March comes in like a lion and goes out like a lamb", etwa: der März springt wie ein Löwe und landet als Bettvorleger. Will sagen: Anfang des Monats ist das Wetter gewöhnlich rauv und am Monatsende mild und sonnig. Bei den Germanen hieß er der "Lenzmond", Frühlingsmonat, und da macht man sich dann schon mal "einen faulen Lenz." Ein Bier heißt so: "Märzen".



Die Römer pflegten in diesem Monat diverse martialische (!) Bräuche und benannten den Monat nach dem Kriegsgott Mars.

Aber eigentlich begann in diesem Monat ursprünglich das neue Jahr, etwa für römische Beamte. Einen Rest von dieser Zählung finden wir seltsamerweise noch in unserem Kalender, und zwar bei den Namen der letzten vier Monate. Diese heißen nämlich wörtlich Siebter, Achter, Neunter und Zehnter.




APRIL Wo der seinen Namen her hat, weiß kein Mensch. Dennoch: der 1. April ist nicht nur bei uns "All Fools Day", wo man anderen Streiche spielt (sie "in den April schickt"), sie narrt (ihnen etwas weismacht) und anderen einen Fisch aus Papier an den Rücken hängt. Letzteres verstehen die Franzosen unter lustig; der Fisch heißt poissson d'Avril, und das trifft's ja irgendwie...



Das Osterfest fällt meist in den April; es ist ein bewegliches Fest, also nicht per Datum festgelegt (wie z.B. Weihnachten: Das ist immer am 25. Dezember), sondern wird gefeiert am "ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond im Frühling"vi. Es liegt auf der Hand, dass es auf ein christianisiertes heidnisches Frühjahrsfest zurückgeht; sowohl Eier als auch Hasen sind Fruchtbarkeitssymbole und passen in die Jahreszeit. Die Grimms wollten in ihrem Deutschen Wörterbuch den Namen von einer germanischen Göttin Ostara herleiten,die ansonsten keiner kennt. Wahrscheinlicher dünkt uns da eine Ableitung von Osten/Morgenröte.



Auch das jüdische Pessach fällt in den April; in diesem Jahr wurde es Anfang, nächstes Jahr wird es Ende April gefeiert. Nicht nur, dass jüdische Feiertage generell nicht einfach zu berechnen sind, gegenüber dem christlichen Kalender verschieben sie sich ständig. Bewegliche Feste, sozusagen, hoch zwei. Übrigens ist im Judentum auch der Tag anders definiert; er gilt von Sonnenuntergang bis Sonnenuntergang. Es ist vielleicht bekannt, dass Sabbat (Schabbes) mit Einbruch der Dunkelheit am Freitagabend beginnt, und am nächsten Tag, ebenfalls mit dem Dunkelwerden endet. Was genau "Sonnenuntergang" bedeutet, darüber lässt sich streiten.



Buddhas Geburtstag fällt meistens in den April, wird in den verschiedenen buddhistischen Ländern jedoch unterschiedlich gefeiert.

Am 20. April war Hitlers Geburtstag. Heute kein Feiertag mehr.



MAI Der erste des Monats ist ein Tag, an dem man entweder den Frühling genießt, oder bei einer Maidemo mitmarschiert. "International Labor Day" vii: Der "Tag der Arbeit" ist eigentlich der, an dem man nicht arbeitet, um zu demonstrieren, dass man das ansonsten schon tut.



Der Monat des Maiglöckchens, des Maibaums und der Maibowle. Es gibt ein untergäriges Starkbier, den Maibock. Den Maikäfer gibt es heute eher selten; man kennt ihn vielleicht eher noch aus Wilhelm Busch.



JUNI oder auch -O; heißt nach der römischen Göttin von Ehe und Familie, Rom und der Moneta, d.h., der römischen Münzprägeanstalt. Ihr ist die Gans heilig, doch ihr Attribut ist der Pfau.



Der 16. Juni ist für Literaturfreunde weltweit "Bloomsday": der Tag, an dem James Joycens "Ulysses" spielt. Der Tag wird nicht nur in Irland, der Heimat des Autors, feierlich begangen und sollte m.E. überall ein gesetzlicher Feiertag werden.



Der 24. Juni ist St.Johannis, der Tag der Sonnwendfeuer. Besonders beliebt in Skandinavien (Midsommar) und im Baltikum: Im Sommer wird es dort kaum dunkel ("Weiße Nächte").

Am 29. feiert die katholische Christenheit "Peter und Paul": zwei Heilige zum Preis von einem.



Der muslimische Fastenmonat Ramadan beginnt dieses Jahr am 18. Juni und endet am 16. Juli. Der muslimische Kalender ist nämlich, wie auch der jüdische, ein Mondkalender und verschiebt sich gegenüber dem (auf dem Sonnenjahr basierende) christlichen Kalender.



JULI oder auch -EI; am 4. feiern die USA, am 14. die Franzosen ihre jeweiligen Nationalfeiertage. Die Amerikaner feiern an diesem Datum, weil es auf ihrer Unabhängigkeitserklärung steht ("Independence Day"), und die Franzosen feiern des Jahrestag des Sturms auf die Bastille ("Fête nationale"), eines gehassten Gefängnisses, und obwohl sie keine nennenswerten Helden dabei befreiten, gilt das als Beginn der Französischen Revolution.

Die Revolution schuf ihren eigenen Kalender, der sich jedoch nicht durchsetzte
Der 12. Juli ist einer der dümmsten Gedenktage, die die Menschheit erfunden hat. Der nordirische protestantische Oranierorden begeht den Tag mit Gedenkmärschen (bei denen Pfeifen und große Trommeln eine wichtige Rolle spielen) und zieht dabei zwecks Provokation vorzugsweise durch katholische Wohnviertel. Man gedenkt dabei der "Battle of the Boyne", des Siegs Wilhelms von Oranien (Protestant) über die katholischen Iren unter König Jakob II im Jahre des Herrn1690. (!!)



AUGUST Seltsam, dass der Monat an sich ja "der Erhabene" heißt, aber auch mit einem Zirkusclown der einfachsten Sorte den Namen teilt. Ursprünglich heißt er nach G.I.C. Octavianus, genannt Augustus.



Im alten keltischen Jahr ist der 1. August Lúnasa (im Walisischen heißt der Beginn des Monats "Calan Awst" [die "Kalenden des August]"!), bei den (nicht-keltischen) Angelsachsen war der 1. August "Lammas", der Erntetag (des Korns). Das keltische Jahr kennt vier große Feiertage: Imbolg (Anfang Februar), Beltane (Anfang Mai), Lúnasa und Samhain (Anfang November – das Ende der Ernte und der Beginn der dunklen Zeit).



Ein wichtiges historisches Datum war Mitte August 1947, als das ehemalige British India unabhängig wurde – zum Leidwesen Gandhis wurden zwei Länder daraus, Indien und Pakistan, die sich bis heute in herzlicher Abneigung verbunden sind.



SEPTEMBER ist nicht (mehr) der siebente, sondern seit 153 v.u.Z. der neunte Monat des Jahres.

Am 29. ist der Michaelistag, ein Wandeltag wie Mariä Lichtmess oder der Martinstag. Ansonsten bietet der September nicht viel Bemerkenswertes, außer dass in Bayern Mitte September das neue Schuljahr beginnt und Ende September das Oktoberfest.



Ein Ereignis, das fast schon zum Symbol einer neuen Dimension des Schreckens geworden ist, war 2001 "Nine Eleven" (oder "9/11"): der Anschlag auf das World Trade Center an einem Dienstag zur besten Sendezeit.



OKTOBER Am 3. des Monats feiern wir unseren Nationalfeiertag. Feiern? Wir? Naja, man muss die Feste feiern, wie sie fallen...Spaß beiseite: Fragen Sie einmal in Ihrem Bekanntenkreis herum, warum wir ausgerechnet an diesem Tag den "Tag der deutschen Einheit" feiern!viii



A propos feiern: Das Oktoberfest in München, die "Wiesn," ist ein organisiertes Massenbesäufnis für Millionen von Menschen, hat aber eigentlich auch keinen rechten Anlass. Am 26. Oktober ist Gallustag: im alten bäuerlichen Kalender das Ende der Erntearbeiten (die protestantische Kirche feiert am ersten Sonntag im Oktober Erntedankfest).



NOVEMBER "Remember remember the 5th of November" – Als A.D. 1605 eine Gruppe von katholischen Umstürzlern (heute würde man vielleicht von "Terroristen" sprechen) versuchte, das Parlament in London, oder genauer: das englische Oberhausix, in die Luft zu jagen, wurde der Anschlag verraten und Guy Fawkes in flagranti erwischt. Dies führte zu seiner Hinrichtung – damals eine beliebte Volksbelustigung – und in folgenden Jahrhunderten zu Freudenfeuern für alle.



Am 11. November ist Martinstag (rabimmel rabammel, etc). Manche lassen den Fasching an diesem Tag beginnen. Es war auch Zinstag; Abgaben an Obrig- und Geistlichkeit waren jetzt fällig, Pachtverträge wurden erneuert, und für Dienstboten und Gesinde war Wandeltag (vgl. oben unter Februar)



DEZEMBER – alter Name: Julmond (später auch Christmond). Jul war ursprünglich das germanische Fest zur Wintersonnenwende (längste Nacht); In den nordischen Ländern heißt Weihnachten Jul (oder ähnlich), in England neben Xmas (das ist tatsächlich eine alte Schreibung!)Yule(tide)

Das Weihnachtsfest ist also eine Aneignung eines heidnischen Fests wie ähnlich auch des Osterfestes durch das Xtentum. So etwas geschah im Übrigen auch mit anderen Kulttagen und Kultorten.



Dezember ist natürlich auch der Monat der christlichen Adventszeit; der Nikolaustag am 6. Dez – übrigens kein offizieller Feiertag der katholischen Kirche mehr – wird heute noch viel gefeiert.

St.Nik(o)la(u)s (daher Klaus) ist eigentlich sozusagen Türke (Bischof von Myra in Kleinasien, d.h. in dem Gebiet der heutigen Türkei). Zahllose Bräuche v.a. im deutschsprachigen Raum, bes. im Alpengebiet erinnern an ihn.



Zusehends überlagert durch den Hohoho-Weihnachtsmannx, der mit Rentierschlitten kommt, sich durch Kamine zwängt und Socken füllt – alles im Dienste der Coca Cola Company, deren Erfindung er ist. In Deutschland wurde er traditionell als Bischof dargestellt und hatte oft einen Begleiter (Knecht Ruprecht/rauer Percht, Krampus), der unverkennbar heidnische, oder zumindest vorchristliche Züge aufweist.



Das Weihnachtsfest sei hier völlig ausgespart: 2 ½ Tage Völlerei und haufenweise Geschenke sollen an ein unbehaustes Kind mit Migrationshintergrund erinnern, das vor über 2000 Jahren lebte; der Kontext ist wohl den meisten Lesern klar. Es soll ja – das nur nebenbei - nicht stimmen, dass übrig gebliebene Schoko-Nikoläuse angeblich zu Schokohasen umgeschmolzen würdenxi.



Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr nennt man umgangssprachlich noch heute gern „zwischen den Jahren“; das bezieht sich eigentlich auf die 12 "Rauhnächte", d. h. zwischen Weihnachten und dem Dreikönigsfest am 6. Jan. Das ist die Zeit, in der Wotans Wilde Jagd über die Himmel reitet; ihr gehört übrigens auch Hulda an, die man aus dem Märchen als Frau Holle kennt.

Im Englischen spricht man von The Twelve Days of Xmas, mit denen sich eine Reihe interessanter Bräuche und ein beliebtes Weihnachtslied verbinden



Silvester (oder Sylvester) wg. Todestags des Papst Sylvester I (AD 335); um böse Geister zu vertreiben, fackelt man am letzten Tag des Jahres Feuerwerksraketen (optische Komponente) und Böller (akustisch) ab. Böse Geister mögen offensichtlich auch keinen Schaumwein; man trinkt daher Sekt zum Jahresanfang.

Dinner for One ist jedoch nicht zwingend vorgeschrieben.



Ach ja: welches Jahr schreiben wir eigentlich?



5775 seit Erschaffung der Welt (jüdische Tradition; unklar, ob Vor- oder Nachmittag)

2768 ab urbe condita (MMDCCLXVIII) (seit Gründung der Stadt Rom)

2015 Anno Domini (im Jahr des Herrn); alternativ für Atheisten: .u.Z. ( unserer Zeitrechnung)

1436 seit der Hidschra (= der Umzug des Propheten von Mekka nach Medina)

226 im Kalender der (Französischen) Revolution; unpraktikabel, daher abgeschafft

bzw. 0 Pictun 13 Baktun 0 Katun 2 Tun 7 Uinal 1 Kin (7 Imix; 9 Uo) (Maya-Kalender)








i Eine alte Rechtsformel; streng genommen waren es "ein Jahr, 6 Wochen und drei Tage" und bezog sich auf die Verjährungsfrist von Kaufverträgen o. ä.


iiKaiser Wilhelm II


iiiZwei Präsidenten zum Preis von einem! (Vgl. Peter&Paul im Juni)


ivGenau genommen sind es 365,24219 Tage. Das muss ebenfalls korrigiert werden: In Jahren, die auf 00 enden, entfällt der Schalttag, es sei denn, sie sind durch 400 teilbar, dann sind sie doch Schaltjahre (vgl. etwa das Jahr 2000)


vAn die Schreibweise werde ich mich nie gewöhnen. Angeblich wirde das Wort in der [gar nicht mal mehr so] Neuen zuRechtschreibung geändert, weil es das einzige deutsche Wort wäre mit -auh hinten. Ja und? Was ist mit blauh?


viDie Amerikaner wählen alle vier Jahre einen Präsidenten, und zwar am " Tuesday after the first Monday of November in leap years." (d.h., der Wahltag ist ein bewegliches Fest). Andere wählen, wenn's nötig ist.


viiEine recht vollständige Liste aller greifbaren Nationalfeier-, Gedenk- und Aktionstage findet sich bei Wikipedia ( http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Gedenk-_und_Aktionstagen ); zu den ältesten und bekanntesten zählen der Muttertag (2. Sonntag im Mai) und der Tag des Baumes (in Deutschland am 25. April). Sehr schön sind auch der Tag der Blockflöte (10. Januar), der Weltpinguin-Tag (25. April) oder der Weltlachtag (am 1. Sonntag im Mai).


viiiDer frühere Nationalfeiertag war begründet als Tag des Volksaufstandes in der (damals noch "SBZ", also Sowjetisch Besetzten Zone) am 17. Juni 1953. Der 3. Oktober durch das "Wirksamwerden des Beitritts der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland"


ixEigentlich hatten es die Verschwörer auf König Jakob abgesehen, der zur Parlamentseröffnung im House of Lords gewesen wäre, und darum schmuggelte man auch etliche Pulverfässer in einen Keller unter dem Parlament. Dass die Parlamentseröffnung in diesem Jahr wegen der Pest um mehrere Monate auf Anfang November verschoben werden sollte, konnte ja keiner ahnen...


x Dieser dicke Mann ist mitnichten der Nikolaus, sondern Father Christmas; interessanterweise gibt es in Russland Дед Мороз, "Väterchen Frost". Ho ho ho!


xiVergleichbar der Umwidmung des Julfests in das Weihnachtsfest...

Samstag, 18. April 2015

parole veneziane



Santa Maria della Salute an der Eifahrt zum Canal Grande
 Gemälde von Canaletto (1697 - 1768) 





La Serenissima, die Stadt Venedig, oder, wie wir alle wissen, im Italienischen: Venezia, liegt am nördlichen Ende der Adria, beherrschte im Mittelalter und in der Renaissance von dort aus weite Teile des östlichen Mittelmeers und hatte als Seemacht, Kunst- und Handelszentrum enormen Einfluss nicht nur auf die Geschichte, sondern auch auf die Sprachen Europas. Dazu gleich ein paar Beispiele.

Seit Goethe hat der Deutsche eine besondere Beziehung zu Italien, zu la dolce vita, zu Chiantiwein, Spaghetti und Lasagne, und zu der offenbar italienischsten aller Städte ist die Zuneigung besonders ausgeprägt. Noch heute heißen zahllose Eisdielen in Germanistan Venezia.


 
Genau genommen liegt Venedig nicht am Meer, sonder im Wasser, aber auch nicht direkt in der Adria, sondern in einer Lagune. Eine Lagune ist ein Gewässer, das durch Sandablagerungen ("Nehrungen" – z.B. Kurische Nehrung) oder Korallenriffe – dann nennt es sich Atoll – vom Meer (fast) vollständig abgetrennt ist. "Haff" oder "Bodden" nennt man Lagunen in der Ostsee.



Die namensgebende Lagune, die Mutter aller Lagunen, ist die Laguna di Venezia. Die Nehrung, die die Lagune von Norden her einschließt, nennt sich Lido di Jesolo und kann eine Rekordzahl von Campingplätzen aufweisen; nach Süden hin schließt sich ein Streifen Land an, der schlicht Lido heißt (oder Lido di Venezia). Das Wort ist venezianischer Dialekt für "Strand", und ein Strandbad oder ähnliches wird auch anderswo Lido genannt.

In Paris entwickelte sich aus bescheidenen Anfängen (eine Art imitiertes Strandbad im Keller) in den 1940er Jahren ein Nachtclub mit Cabaret und Burlesque-Programmen, das sich Lido nannte. Dieses Etablissement wiederum wurde stilbildend, hat aber nun gar nichts mehr mit Venedig zu tun...

Ein G(h)etto ist laut Wikipedia ein "abgesondertes Wohnviertel". Hm. Das verschweigt, dass es i.d.R. sozial ausgegrenzte Randgruppen sind, die hier wohnen, und das beileibe nicht immer freiwillig. Von den Judenvierteln seit dem Mittelalter (bis hin zum Warschauer Ghetto), von Schwarzenvierteln in amerikanischen Großstädten bis zu den Favelas in den wuchernden Megastädten der Dritten Welt waren hier schon immer die Armen, Schwachen, die Minderheiten zusammengepfercht.

Das Wort Ghetto bezeichnete ursprünglich ein ziemlich isoliertes Stück des venezianischen Stadtteils Canaregio, das ursprünglich von den Eisengießern bewohnt war; ein eisenverarbeitender Betrieb (getto) hatte sich einmal dort befunden, und darum hieß das Judenviertel später so. Zwei Brücken führten hinein, und nächtens nicht mehr hinaus (nur den angesehenen jüdischen Ärzten war es fallweise erlaubt, das Viertel nachts zu verlassen). Die auch anderswo praktizierten Einschränkungen behielt man im Ghetto in Venedig auch bei, als man sie allmählich überall sonst aufgab.
Einfahrt zum Arsenale
Gemälde von Canaletto (1697 - 1768)

Ein Stück weiter östlich, im Stadtteil Castello, findet sich das Arsenale, ein ebenfalls schwer zugänglicher Bezirk, wenngleich die Absperrung hier militärisch begründet war. Es handelt sich hier um die Werft und das Zeughaus der einst bedeutenden Seemacht Venedig. Im Krieg gegen die Türken – eine ernste Bedrohung für die Lagunenstadt und ihr Einflussgebiet im östlichen Mittelmeer - wurden hier bereits im 16. Jahrhundert hundert Kriegsschiffe gebaut – in zwei Wochen!! Die Effektivität dieser Einrichtung wurde allgemein bewundert und darob in vielen Städten nachgeahmt.

Inzwischen werden auch andere militärisch wichtige Institutionen, Waffendepots von Armeen, ja der gesamten Streitkräfte eines Landes wie auch Waffensammlungen überhaupt so genannt. Der Londoner Fußballclub heißt so nach der Rüstungsfabrik, aus deren Arbeiterschaft sich die Spieler des Clubs anfangs rekrutierten.

Es gibt ein Boot, das wie kein anderes unser Bild von Venedig prägt, nämlich die Gondel. Meistens sitzen in einer solchen ein paar Touristen und bestaunen die grandiose Architektur der Stadt; von der Gondel aus, nahe der Wasserlinie, sieht man auch am schönsten, wie die Gebäude verfallen und verfaulen. Hinter den Passagieren steht der Gondoliere und treibt mit einem langen Stecken die Gondel an, während er dabei "O sole mio" schmettert und dabei die gute Akustik der Kanäle ausnützt. aber – das Bild stimmt so nicht! Zum einen sollte er nicht "O sole mio" singen, denn das ist ein Lied aus Neapel. Wichtiger noch: Die lange Stange ist gar keine, und er stochert nicht in den Wassern, sondern er rudert. Im Gegensatz zu seinen Kollegen in Tübingen oder Cambridge, die mit Stocherkähnen den Neckar bzw. mit Punts den Cam befahren, hat er ein ausgeklügeltes, raffiniert in ein Widerlager (forcole)an der Bordwand der Gondel eingelegtes Ruder in der Hand.

Wer sich früher in Venedig über die politische Lage im östlichen Mittelmeer oder wichtige Dinge in der Stadt selbst informieren wollte, konnte auf ein flugblattähnlich zusammengetragenes Nachrichtenblatt zurückgreifen, das nur einen Pfennig kostete. Genau genommen natürlich keinen "Pfennig", sondern die niedrigste Münze der Republik Venedig: eine "Gazetta", und die Zeitung hieß entsprechend "Gazetta di Venezia". In vielen Sprachen und Ländern heißen Zeitungen heute noch so, wenngleich im Deutschen bei "Gazette" immer etwas herablassend-ironisches mitschwingt.

"Sag beim Abschied leise Servus" (Venedig war im 19. Jhd. mehrmals Teil von k.u.k.Österreich-Ungarn) – in Venedig wird über s-ciavón, s-ciavo, s-ciao und schließlich ciao daraus.