Mal was über Orange.

Orange?

Samstag, 1. Juni 2013

Eilige Geschäfte (00)

Die Rede ist von einem Haus, auch Häusl, mit dem Herz in der Tür (warum eigentlich?): im Englischen u.a. house of ease ('Haus der Erleichterung'), tŷ bach im Walisischen ('kleines Haus', bzw. eben 'Häusl'). Ursprünglich war dies außerhalb des Hauses, etwa im Garten, und aus Geruchsgründen war das auch sinnvoll. Da mußte dann eben "auch der Kaiser zu Fuß hin". Toiletten im Haus, auf der Etage oder gar in der Wohnung, waren daher verpönt, bis das Wasser-Closett dem Geruch ein Ende bereitete. Im Italienischen heißt es oft schlicht Water (2), und weil's nicht mehr riecht, sagt man im Spanischen Inodoro. Zivilisiert eben.

Abgesehen von vulgären Ausdrücken wie Sch***haus (man beachte die elegante Umschreibung!) ist der wohl urigste deutschsprachige Ausdruck der Abort, was laut Grimmschem Wörterbuch "abgelegener Ort" oder gar "heimliches Gemach" heißt. Ähnlich auch der Abtritt, "für welchen die sprache eine menge andrer namen bietet", etwa (zu Grimms Zeiten) das goldige Läublein.. Meyers Konversations-Lexikon kennt Ende des 19. Jahrhunderts noch eine ganze Reihe Synonyme, die wir so nicht mehr gebrauchen, etwa Appartement, Kommoditee, oder Privet (auch im Englischen).

Demgegenüber hat Latrine einen freudlos-militärischen Klang. Sie bezeichnet ja auch die Mannschaftstoilette und war oft nur ein wenig hygienischer Donnerbalken.

Eine Definition auf Esperanto: Necesejo estas loko por feki kaj urini. Von necesa ('notwendig'): ein loko (also 'Ort', 'Örtchen') für große und kleine Geschäfte (daher im 17. Jhd im Englischen auch house of office. Übrigens: number one: kleines Geschäft, number two: großes Geschäft). Im loko steckt natürlich das lateinische locus ('Ort'), unser Lokus, das "stille" Örtchen. Der Ort, wohin man sich zurückzieht, derhalben man früher auch Retirade sagte (vgl. engl. to retire = sich zurückziehen), im Spanischen auch retrete.

Die 00 auf der Toilettentür dürfte übrigens mit Zimmernummern im Hotel zusammenhängen: die Toilette war zwar ein Raum, aber kein Zimmer!

Englisch: WC = water closet = flush toilet.. Toilet bezeichnete ursprünglich (nachweisbar seit dem 16. Jahrhundert) im Französischen einen Kleiderbeutel oder eine Abdeckung aus Stoff, später überhaupt Kleidung, dann auch den Ankleideraum (2), und schließlich das, was er idealerweise auch hatte: das Closett. Von diesem, dem abgeschlossenen (und abschließbaren) Raum stammt auch unser Klo. Das doch sehr Private des Raums betont das privy, ein sehr alter Ausdruck (frühes 13. Jahrhundert)

Ein seltsames englisches Slangwort ist John, daneben auch bog ('Sumpf') oder loo. Das letztere stammt aus den Zeiten, als man noch den chamber pot (= Nachttopf) ungeniert aus dem Fenster schüttete. Um Passanten zu warnen, rief man "garde à l'eau' ('Achtung, Wasser!'), und l'eau wurde loo. Das ist zumindest eine Theorie, und wenn's nicht wahr ist, ist es doch ben' trovato. Ein geradezu charmanter Ausdruck für das, was sich außer Wasser noch im Nachttopf befand, ist übrigens night soil, Schmutz der Nacht.

Zu den mehr oder weniger gelungenen Euphemismen für die Toilette gehört im Englischen das lavatory, eigentlich der Waschraum, (zu frz. lavoir, waschen. Eigentlich aus dem Lateinischen, von lavare und sogar lavatorium) und der vor allem im oft so prüden Amerika reflexhaft übliche bathroom ('Mummy, the dog went to the bathroom on the lawn.'). Auch powder room war gebräuchlich, die Dame ging mal eben das Näschen pudern.

Französisch: Cabinet de toilette: cabinets ou toilettes. Siehe oben.

Wer übrigens online unterwegs ist und eine Toilette sucht - hier ist eine:

Schließlich noch: Der bekannte österreichische Schriftsteller Peter Handke hat ein Buch vorgelegt, das sich ebenfalls mit der Toilette beschäftigt:

Versuch über den Stillen Ort ,
Suhrkamp Verlag; Oktober 2012;
ISBN-10: 3518423177

Damit ist das Thema ja nun endgültig salonfähig...

Fußnoten

(1) Laut Wikipedia in Argentinien gelegentlich wohl Vatercló

(2) "Das Ankleiden und Schmücken eleganter Frauen heißt auch Toilette machen und ihre Ankleidezimmer heißen Toilettenzimmer;. aber auch ihren Anzug und Schmuck zusammen nennt man Toilette" Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon von 1841

Zeitungen in den Staaten



Eine Blütenlese

In den USA gibt es zahllose Zeitungen (noch), und vielfach verraten die Namen einiges über die Rolle, die ihre Begründer ihnen zugedacht hatten. Da gibt es Prüfer, Wächter und Aufpasser, Bürger und Unabhängige, aber auch Herolde, Sonnen und Sterne, tägliche Boten und treue Berichterstatter.
Ach ja, und Dutzende von Times. Es waren halt auch bewegte Zeiten...

The Times (Auswahl)

Los Angeles Times
The New York Times
The Times (Shreveport), Louisiana
The Times of Northwest Indiana

The Seattle Times, Oregon
Quad-City Times, W. Illinois and E.Iowa
The Times (Trenton), New Jersey


Aber manchmal gibt es auch das Besondere, und eine Zeitung heißt gar nach dem Esel seines Gründers (raten Sie mal, welche!). Hier eine kleine und naturgemäß unvollständige Liste.

Arctic Sounder [Arktisches Echolot]
Arizona Republic
Arkansas Traveler [das ist eigentlich ein Lied, und zwar seit 1987 offiziell “ state historical song”]
Berkeley Daily Planet [so heißt auch die Zeitung bei Superman in den DC Comics]
Berkshire Eagle (1789) [dieser Adler stammt aus der Zeit der Französischen Revolution]
Big Bear Grizzly [der Ort heißt Big Bear, also heißt der Grizzly auch so]
Burlington Hawk Eye [Falkenauge sei wachsam!]
Chicago Defender
Chicago Tribune [wer hier von “die Chicago Tribune spricht, mißversteht was: die Zeitung ist der Volkstribun aus der “windigen Stadt”]
Citizen
Creative Loafing [kreatives Rumgammeln – Tampa, Florida]
Curry Coastal Pilot
Daily Comet [sowas wie Supermans Daily Planet]
Daily Triplicate [mit doppeltem Durchschlag?]
Fresno Bee [einige Zeitungen heißen Biene, wohl aus historischen Gründen (Biene=Fleiß usw)]
Hartford Courant (1764 - the oldest daily)[hält au courant – auf dem Laufenden]
Hooker Advance [Hooker ist ein Kaff in Oklahoma und hat knapp 2000 Einwohner sowie eine Zeitung; wörtlich übersetzt heißt der ganze Titel “Vorschuß für die Nutte”]
Jackson Citizen Patriot
Kearney Hub [Hub heißt Nabe; keine Ahnung, warum eine Zeitung so heißt]
Kentucky New Era
Laramie Boomerang

Louisville Eccentric Observer [es gibt etliche Eccentrics, vor allem in Michigan]
Memphis Flyer [der Flieger (nicht das Flugzeug!) aus Memphis, Tennessee]
News-Sickle-Arrow (Black Earth, Wisconsin – gut 1 300 Einwohner) [Nachrichten-Sichel-Pfeil – warum auch immer: der Website war nichts zu entnehmen]
Nordamerikanische Wochen-post [eine der letzten deutschsprachigen]
Paper of Montgomery County [klare Sache: die Zeitung vom Montgomery County]
Philadelphia Inquirer [der Nachfrager]
Plain Dealer (Cleveland) [sowas wie Der ehrliche Händler]

Progress-Index
Public Opinion [die öffentliche Meinung – ein schöner Name für eine Zeitung]
Recorder {Berichterstatter;der, der alles aufschreibt]
Sentinel & Enterprise [Wächter und Unternehmungsgeist]
Shepherd Express (vorher: Crazy Shepherd) [der Rasende Schäfer ist eine alternative Wochenzeitung]
Shrewsbury Lantern
Star-Ledger (Newark) [Sternen-Hauptbuch – wg. astrologischer Buchführung vielleicht]
Times Of Earth [hallo Erdlinge: das ist eure Zeitung]
Times-Picayune (New Orleans) [ursprünglich kostete das Blatt wohl einen Picayune, also einen halben spanischen Real (bis Mitte des 19. Jhds auch in einien Südstaaten Zahlungmittel)] vgl. Picayune Item aus Picayune, Misissippi
Today's Sunbeam [Der heutige Sonnenstrahl!]
Umpqua Post [Reedsport, Oregon, nicht Umpqua]
Vindicator [Rechtfertiger]


na, erraten? Die Zeitung, die nach einem Esel heißt, ist der Laramie Boomerang

Mittwoch, 1. Mai 2013

Vielerlei Sprache

Zum Beispiel Norwegisch: das ist eigentlich keine Sprache, sondern zwei. Die eine, Bokmål, ist eigentlich eine Form von Dänisch (bzw. städtisches Oslo-Norwegisch). Diese Form wird von den meisten der ca. 5 Millionen Norweger benutzt. Daneben gibt es aber auch Nynorsk, Neu-Nordisch, das früher einmal Landsmål hieß, eine romantisierend-rekonstruierte Form des "eigentlichen" Norwegisch, der Sprache der (west-norwegischen) Landbevölkerung. Beide sind geschriebene Formen der Sprache; gesprochen zerfällt Norwegisch in viele Dialekte, was angesichts der Abgeschiedenheit vieler Fjorde auch kaum wundert.
Beispiel: "Ich komme aus Norwegen"

Bokmål: Jeg kommer fra Norge

Nynorsk: Eg kjem frå Noreg


Oder Shqip, Albanisch: Ähnlich wenige Sprecher (halb so viele wie Bayern Einwohner hat!), aber eigentlich auch zwei Sprachen. Im Norden (und im Kosovo) Gegisch (Gegërisht), im Süden Toskisch (Toskërisht). In jeder Hinsicht, sei es in Wortschatz, Aussprache oder Grammatik zwei recht unterschiedliche Idiome.
Beispiel: "was?" Toskisch: çfarë? Gegisch: qysh?

Oder Serbokroatisch, Srpskohrvatski: das war mal eine Sprache (eigentlich hat das nie gestimmt!), jetzt sind es zwei (oder mehr). Solange es Jugoslawien und Jugoslawen gab - dem Namen nach alles "Südslawen" - war dies die offizielle Amtssprache. Natürlich gab es auch damals schon gravierende Unterschiede in Wortschatz wie Aussprache, aber das nannte man damals Dialekte. Inzwischen ist Jugoslawien zerfallen, die Harmonie der südslawischen Brudervölker dahin, und Serbisch und Kroatisch gelten als verschiedene Sprachen. Ob daneben das Bosnische zum Beispiel eine eigene Sprache ist, sollen die Bosnier sagen. (Wenn man die Faustregel anwendet, alles was mit kyrillischen Buchstaben geschrieben wird, sei Serbisch, dann steht Bosnisch wohl dem Kroatischen näher).
Beispiel: "Guten Tag!" Kroatisch: Dobar dan! Serbisch: Добар дан!

Häufig ist das, was als Sprache gilt, eigentlich nur eine (für Außenstehende meist undurchsichtige) Gemengelage von Dialekten. So etwa das Baskische: es zerfällt in die Dialekte von Bizkaia, Gipuzkoa, Araba und Nafarroa in Spanien und von Lapurdi, Nafarroa Beherea und Zuberoa in Frankreich; eigentlich besteht Baskisch aus noch viel mehr Dialekten. Dies sind nur die Hauptgruppen. Recht betrachtet, spricht man in jedem Tal irgendwie anders. Und das bei vielleicht 700 000 Sprechern!
Beispiel: elf (11) Guipuzkoanisch: amaika; Bizkainisch: ameka;
Lapurisch: hamaka; Zuberoa: hameka
Beispiel: "Ihr habt es" Bizkainisch: dozue; Guipuzkoanisch: dezute;
Ronkalesisch: tzei; Zuberoa: düzüe
"Baskisch" heißt ezkuera, euskala, uskera, eskara, eskoara, je nachdem...

Oder Romantsch, Rätoromanisch. Es wird vor allem in den - auch hier wieder: Tälern - des Schweizer Kantons Graubünden gesprochen, von geschätzt 60 000 Menschen. Und auch hier gilt: in jedem Tal anders. Man unterscheidet Surselvisch, Sutselvisch, Surmeirisch, Puter, Vallader und Jauer. Die letzten beiden heißen auch Rumantsch Grischun und werden gern als "chara lingua da la mamma, tü sonor rumantsch ladin" besungen. Und das sind erst die "Schriftsprachen".
Damit verwandt, aber nicht identisch ist übrigens Ladinisch. Gesprochen (in ein paar Südtiroler Tälern) von einer sprachlichen Minderheit wie es kaum noch kleiner geht (30 000), zerfällt es doch auch in fünf Dialekte, nämlich Maréo/Badiot, Gherdëina, Fascian, Anpezan und Fodom.
Beispiel: "Wie schön du bist!" Surs.:Tgei bi che ti eis! Sut.: Tge beal ca tei es
Surm.:Tge bel tgi te ist! Putér: Che bel cha tü est!
Vallader: Che bel cha tü est! Jauer: Tge bel che ti es!

Um halbwegs einen Bogen zu schlagen zum Anfang des Artikels, einmal eine Sprache aus einer Landschaft ganz ohne Täler (aber auch ohne Fjorde): Friesisch. Gesprochen von immerhin (fast) einer halben Million Sprechern in den Niederlanden und in Deutschland. In der niederländischen Provinz Fryslân, die im auch die westfriesischen Inseln einschließt, nicht mehr auf den ostfriesischen (in Niedersachsen), wohl aber auf den nordfriesischen Inseln (in Schleswig-Holstein). In Ostfriesland spricht man heute ein Platt mit gelegentlichen friesischen Einsprengseln, ansonsten ist die Sprache hier schon lange tot (mit Ausnahme der Gemeinde Saterland in Kreis Cloppenburg: dort sprechen noch ein paar Handvoll Leute das sog. Saterfriesisch). Auf den nordfriesischen Inseln hingegen lebt die Sprache noch, und zwar in zehn verschiedenen Dialekten mit zehntausend Sprechern.
"Vater unser im Himmel" auf Mooringer Friesisch (aus der Gegend im Niebüll): Üüsen Tatje önj e hamel
und auf Föhrer Inselfriesisch: Üüsens Aatj ün hemel

Es fällt auf, dass es oft gerade die sehr kleinen Sprachen mit nur wenigen Sprechern sind, die - scheinbar 'unnötigerweise' - auch noch in viele Dialekte zersplittert sind. Und doch: eigentlich kein Wunder. Zum einen fehlt solchen Sprachen meist ein gemeinsamer Standard, wie ihn die Medien setzen. Vielfach sind sie Teil der mündlichen Kultur und praktisch ohne verbindliche Schriftform. Da sie als Minderheitensprachen in einem anderssprachigen Umfeld bestenfalls toleriert werden, scheint ihren Sprechern sozialer Aufstieg nur in der dominanten Sprache des Landes möglich, bestenfalls trotz, aber nicht wegen ihrer eigenen Sprache. Ein Baske, der Karriere macht, wird das wahrscheinlich im Spanischen tun und seine baskische Identität ist dabei nachrangig.

Oftmals ist die Minderheitssprache das Einzige, was der jeweiligen Kultur als typisch eignet. Es gilt mithin, das Alte zu bewahren; die Sprache bleibt konservativ und entwickelt sich kaum noch spontan (1); meist sind es auch nur Angehörige der älteren und ältesten Gneration, die sie gut sprechen. So kommt es oft zu einem romantisierenden Rekurs auf vermeintlich bessere Zeiten.

Die "Fryske frijheidt" findet der Friese nur noch in seiner Sprache.


Fußnote

(1)
bezeichnenderweise werden Neologismen, Bezeichnungen etwa für neue Dinge, aus der dominanten Sprache übernommen


Trinkgefäße

Die Glockenbecherkultur – ein steinzeitliches (mehrere Jahrhunderte um die Mitte des 3.
vorchristl. Jahrtausends) Volk, von dem wir fast nichts wissen, als dass es erste metallverarbeitende Techniken beherrschte und dass es mithin an der schwelle zur Bronzezeit stand. Ach ja, und dieses Volk hinterließ Keramikbecher in glockenähnlich-eleganter Form, so dass man sie eben nach diesen auch benennt. (1)
Wir fassen zusammen: eine Kultur, die nach einem Trinkgefäß benannt ist. Wie man vielleicht die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts irgendwann einmal als Coladosen-Kultur bezeichnen wird. Obwohl, -kultur...?
Dieses Volk (engl. beaker people; frz. (weniger griffig) Culture campaniforme) stellte die für sie typischen Keramik-Trinkgefäße in Becherform her. Dies ist vielleicht der Urtyp des Flüssigkeitsbehälters und neben der hohlen Hand und vielleicht der einen oder anderen Schalenfrucht (Kürbisse oder Kokosnüsse: in unseren Breiten wächst da nix Geeignetes, da muss man seine beakers schon selbst herstellen). Wahrscheinlich so ziemlich der älteste. Was aber ist eigentlich ein Becher?

Wenn man das anschaut, was eine Internet-Suchmaschine an Bildern zum Thema anschleppt, kommt man auf ein paar vermutlich grundlegende Merkmale, wie etwa „kein Stiel” oder „meist schlicht in der Form”, aber wie steht es zum Beispiel mit dem Material? (Becher sind nicht immer irden: denken Sie z.B. an Papp-Becher. Aber: gibt es Becher z.B. aus Gold?) Wie steht es mit Henkeln? Ist ein Becher mit Henkeln überhaupt einer? Was soll eine „Bechertasse” sein – ein Becher oder eine Tasse? Sie hat jedenfalls einen Henkel, wie jede anständige Tasse. (Im Englischen sagt man mug, was ungeklärter Herkunft ist und nicht mit dem Slangwort für Gesicht zusammenhängen dürfte. Jedenfalls sagt man nicht beaker).


edel: (Trink)gefäße der alten Griechen. Sie kommen in diesem Artikel nicht weiter vor.
Überhaupt Tassen: Meist sind sie aus Keramik oder Porzellan (davon das feinste heißt im Englischen bone china (interessanterweise heißt „china” ja „porzellan”. Aber warum „knochen”?) Wenn Wikipedia recht hat, kommt da Knochenasche mit hinein. Na denn man Prost!). Sie reizen oft zum Kleinen-Finger-Abspreizen, während man den Tee zum Munde führt. Für bodenständigeres gibt es die oben erwähnten mugs. Tassen sind cups, und das hängt mit unserem „kopp” zusammen (im Sinne von Schädel). Man will’s nicht glauben, aber die Etymologen sind sich so ziemlich einig: Weil die Wikinger gern mal ihren Met aus den Schädeln erschlagener Feinde tranken, heißt das zierliche Tee-Tässchen „cup”!? Vielleicht stimmt das mit den erschlagenen Feinden nicht so ganz, aber das mit dem Kopp schon.


möge der Met munden

A propos Köpfe der erschlagenen Feinde, bzw. alte Germanen. Diese trugen nachweislich niemals Helme mit Hörnern (wie auch die Flederwische am Helm von Asterix frei erfunden sind). Die Hörner sind eine Zutat des 19. Jahrhunderts und haben mehr mit Richard Wagner zu tun als mit tatsächlichen Germanen. Hörner aber benutzten unse Vorfahren schon: man konnte Musik damit machen – wie auch mit dem Gemshorn, das noch „musikalischer” ist – aber vor allem trank man daraus. Schäumenden Met, oder was sonst zur Hand war, um sich zu berauschen. Also keinen Wein.

Denn den Weinanbau führten die Römer ein. Das Getränk kannten sie aus dem sonnigen Italien, und ohne Wein war das raue Germanien nur schwer zu ertragen, auch wenn man der privilegierte Besatzer war. So musste man eben den Wein importieren oder versuchen, ihn auch in der Fremde anzubauen. Was die Römer zu dem Weinbau noch einführten, war das passende Gefäß. Und das war, wie auch immer seine Form, aus Glas. Inzwischen trinken wir nicht mehr aus dem Trinkhorn, und statt Met trinken auch Germanen inzwischen ganz ordentliche Mengen Wein, auch sehr gute Tropfen aus heimischen Gefilden (denn auch die ganze Winzerei wird hier praktiziert). Und überhaupt sind wir, welterfahren und vielgereist, inzwischen auch ein Volk von Weinexperten, wissen den schweren, süßen Mavrodafne aus Griechenland vom leichten Beaujolais primeur zu unterscheiden, und selbstverständlich den Riesling vom Pinot Grigio.


feine Unterschiede zählen

Und, was wichtig ist, wir wissen, dass man Wein dekantiert (dass er atmen kann), und welchen Wein man zu welcher Speise genießt, überhaupt: welchen Wein vor, und welchen nach dem Essen. All das wissen wir, und selbstverständlich wissen wir auch, welcher Wein in was für ein Glas gehört. Es wäre ja geradezu eine Sünde, einen Dessertwein (das ist der Wein nach dem Essen) aus einem Sherryglas (woraus man ja seinen Aperitif trinkt - vor dem Essen) zu trinken! Und aus dem Römer trinken wir eigentlich kaum noch: der ist doch eher veraltet. Am edel gedeckten Tisch arbeiten wir uns so durch die Gläser (wie man das ja auch beim Besteck tut).

Nur die Biertrinker sind ein wenig problematisch, denn sie haben die Gläser nicht (noch nicht?) konsequent systematisiert. Ansätze gibt es wohl, etwa das Weißbierglas, die Pilstulpe oder die „Stange” für’s Kölsch; aber ansonsten scheint es dem Biertrinker egal, aus welchem Gefäß er trinkt. Manche trinken ja sogar aus dem Krug!! Ja, aus der Flasche!!!


doch irgendwie alle ähnlich...


Weil wir gerade bei der Flasche sind: Ein Baby, das nicht mehr gestillt wird, trinkt seine Milch aus der Flasche, weil’s praktisch ist. Als Studenten haben wir so ziemlich alles aus dem Senfglas getrunken (2) und täten das in der Not wohl immer noch. Und neben Glas und Porzellan gibt es noch andere Materialien für das Trinkgefäß; Horn und Keramik wurden bereits erwähnt, aber es gab/gibt auch Gefäße aus Metall (sehr oft Zinn), Tassen aus Holz (in Nordskandinavien: siehe Bild in Fußnote 3) und in neuerer Zeit Becher aus gewachster Pappe (mit Deckel, für den Kaffee „to go”) und aus buntem Plastik. Und es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis jemand ein Trinkgefäß aus „intelligentem” Material erfindet (iMug?),

Wir können es abwarten.

Fußnote:
  1. Der englischsprachige Wikipedia-Artikel hat übrigens eine völlig andere Karte des vermuteten Verbreitungsgebiets als der deutschsprachige; letzterer kennt nur Spuren, wo der erstere die Becherleute fast überall in Europa ansiedelt...
  2. Ein schönes Beispiel für den Wiederverwertungs-Gedanken: Wenn kein Senf mehr im Glas ist, wird es gespült und kann dann als Trinkglas verwendet werden. Selbstverständlich wurde der Senf-im-Glas deswegen gekauft, und vielleicht wäre ein Senf im Plastiktöpfchen billiger gewesen, so dass man sich ein Glas hätte dazukaufen können. Aber es war halt praktisch.
  3. Und so sieht eine traditionelle kuksa aus Finnland aus:

Sonntag, 7. April 2013

Fachleute

Wie dilettantisch!
?
Typisch Dilettant! Hat nix studiert und meint, er wüßte was Sache ist!
Ah so!
Macht’s ja eigentlich nicht schlecht, aber...
Aber..?
Stimmt eigentlich. In der Sache kennt er sich aus! Da isser ein echter Freak!
Weil er’s nie gelernt hat und trotzdem kann?
Genau.
Wie dilettantisch!

Denn: Er weiß alles zum Thema, weil er sich dafür begeistert. Weil er die Sache liebt: „dilettare” ist das italienische Wort dafür: „sich ergötzen” steht im Wörterbuch, also Spaß - „diletto” - haben an etwas. Das kommt vom lateinischen „delectare”, was u. a. „gelüsten nach” bedeutet, con „delectatio”, „Wonne, Freude, Lust, Glück, Seligkeit, Wollust, Nutzung (?), Ergötzung, Genuss, Vergnügen,” wie Köbler, Gerhard, Lateinisch-germanistisches Wörterbuch, 3. A., 2006, weiß. (1)

Und jetzt vergleichen Sie mal damit den Fachmann, etwa den Handwerker, auf den Sie drei Tage vergeblich gewartet haben, der mürrisch Ihre Klospülung repariert, um dann eine überzogene Summe allein schon für die Anfahrt in Rechnung stellt: Ich weiß, das ist ein Klischee und völlig daneben: Andererseits (Hand auf’s Herz): Kennen Sie einen Handwerker; der bei der Ausübung seines Berufs „Glück; Seligkeit und Wollust” empfindet? Eben!

Wer das liebt, was er tut, und tut, was er tut, weil er es liebt, ist ein „Amateur”. Das kommt von „amateur” im Französischen und bezeichnet einen Liebhaber, etwa der Kunst – heute wäre das wohl eher der Sport als die Kunst - (und nicht etwa den „amant”, den, der im physischen Sinne liebt (2) ). Letztlich hat das natürlich ursächlich mit dem lateinischen „amor” zu tun: Liebe ist Hingabe, und wer kennt das Objekt seiner Liebe besser als der, der es liebt? Ich kannte mal einen Modelleisenbahner (d.h. allgemeinen Eisenbahn-Fan), der praktisch das gesamte Kursbuch auswendig kannte... (Zur Erinnerung: Haben Sie schon einmal erlebt, dass Sie am Bahnhof einen Bahnbediensteten angetroffen haben, der die Abfahrtszeiten der Züge parat hatte?)

Wo bleiben die Experten? Überhaupt: Was ist ein Experte, und warum heißt er so? Der Einfachkeit halber sei der Duden zitiert, der behauptet, der Experte sei ein „Sachverständiger, Fachmann, Kenner”, und sein Expertenwissen habe mit lat.: „experiri” zu tun, mit „erfahren, erproben” (Online-Lateinwörterbuch http://www.albertmartin.de/latein ), also -wie der Duden auch weiß- irgendwie auch mit „Experiment”. Ein Experte ist also einer, der herumexperimentiert! Sauber!

Nein, ernsthaft: Der Experte ist der Fachmann, der Mann vom Fach und hat das auch gelernt (das Fach). Wenn er aber nun nicht allzuviel gelernt hat, hat er wenigstens das richtige Werkzeug. Und er gehört zu den Eingeweihten, denen die Erfahrung sagt (oder die Kollegen), wo man draufklopfen muss, und dann „passt das schon”, Zunftwissen.

Wenn das „Fach” jenes ist, das der „Fach”arzt studiert hat, ist das schon einmal beruhigend. Meint man. In Wirklichkeit rät er oft auch rum, nur mit mehr Erfahrung (von dem „experiri”) als der Patient; viele Werkzeuge hat er meistens nicht, aber einen weißen Kittel, und das gemahnt ja an „weiße Weste”. Und mal ehrlich: Würden Sie sich dabei wohlfühlen, wenn Sie wüssten, dass Ihr Arzt sein Metier nur aus Liebe betriebe, als Hobby sozusagen, und der sich die wichtigsten Infos aus dem Internet heruntergeladen hat?


A propos Hobby: Das ist Englisch („hobby horse”), hat dieselbe – veraltete - Bedeutung wie im Deutschen: Ein „hobby horse” ist ein „Steckenpferd” (siehe Bild), und ein Kind ritt sowas mit einer Begeisterung, die 1) drollig anzuschauen war, 2) als patriotischer Überschwang gedeutet werden konnte (bei einem Kind!! Aber wir reden von der wilhelminischen Epoche, etwa kurz vor dem Ersten Weltkrieg) Und 3) die auf jeden Fall im Kind eine Leidenschaft entfachte, die der Begeisterung des „dilettante” glich.

Und heute? Heute reitet niemand mehr ein Steckenpferd. Das Kid von heute sitzt am Rechner und bildet sich fort. Ist diese Fortbildung sehr weit fortgeschritten, sprechen wir von „Nerd”. Das ist wiederum Englisch und bedeutet etwa „geek”. Was ein „Geek” ist, wollen Sie wissen? Kennt der Duden noch nicht („...oder meinten Sie: geck?”), aber er weiß, was ein „Nerd” ist, nämlich „(Jargon abwertend): sehr intelligenter, aber sozial isolierter Computerfan: der N., so das Klischee, sitzt vor dem Computer, ist nicht gesund und hat null Appeal.” (3)

Zumindest im britischen Englisch nennt man einen jener pickeligen Jünglinge, die sich dem „trainspotting” verschrieben haben – hier hilft uns Wikipedia (4) weiter: „ das hobbymäßige Beobachten von Eisenbahnen...Train spotting wird im englischen Sprachraum auch oft als Synonym für vordergründig sinnlos erscheinende Tätigkeiten oder Hobbys benutzt.” Jedenfalls nennt man besagte Trainspotter gern „Anoraks”: „Das Wort stammt aus der Sprache der westgrönländischen Eskimos...” schreibt Wiktionary, was jedoch ganz und gar nicht politisch korrekt ist: Die „Eskimos” heißen heute „Inuit”: Das hätten die Nerds der Wikidings aber wissen müssen!

Fußnoten:
  1. Das englische „delight” heißt in etwa dasselbe.
  2. Heute heißt sowas „lover”
  3. © Duden - Deutsches Universalwörterbuch, 6. Aufl. Mannheim 2006 [CD-ROM].
  4. Ein Online-Wörterbuch, das im Grunde von Nerds geschrieben wird.

Geschichten vom nuklearen AtomKern und von seinen Gegnern

Wie wir alle einmal gelernt haben, bezeichnet Atom im Griechischen das letztlich Unteilbare der Materie (von a-tomos: a = „un-” und tomos wie in Computer-Tomographie, ein Aufnahmeverfahren, bei dem der Körper in zahllose Scheiben geteilt wird: tomos heißt „Schnitt, Teilung”). Als der Mensch gelernt hatte, das Unteilbare zu teilen – die Enrtdeckung der Atomspaltung durch Otto Hahn und Lise Meitner 1938 – setzte das ungeheuere Energien frei. Natürlich sann der Mensch nach, wie man diese Energien nutzen konnte und erfand – die Atombombe.
a terrible beauty is born


Zuerst erschauderte man und war fasziniert zugleich von der schrecklichen Schönheit (1)(2) der Explosion; schließlich setzten die Bomben von Hiroshima und Nagasaki dieselbe Energie frei, die die Sonne lodern ließ. Es war das Gleißen der Schöpfung, wenn auch in ihrem zerstörerischen Aspekt (3). Viele glaubten wohl auch, dass die Atombombe den Krieg abgekürzt und somit letzten Endes sogar Menschenleben gerettet hatte. Und man erzählte ihnen alsbald, dass der Mensch nun auch gelernt hätte, die Energie der Sonne friedlich zu nutzen, eine Energie, die – wie Hiroshima gezeigt hatte – so gewaltig war, dass sie praktisch endlos war, jetzt, da man sie beherrschte. Die Ur-Kraft der Atome in jedem Atomkraftwerk! (4)

Kleiner Zeitsprung in die siebziger Jahre: In Deutschland standen einige Atomkraftwerke herum, und die produzierten nicht nur billigen Atomstrom (man hatte in den Fünfzigern davon geredet, dass es in Bälde möglich sein würde, Strom so kostengünstig zu produzieren, dass es sich nicht lohnen würde, den Kunden überhaupt zahlen zu lassen), sondern auch Atommüll, und jede Menge Dissens. Denn ein immer lautstärker werdendes Häuflein Menschen, bald eine ganze Bewegung (die später die Partei Die Grünen ins Parlament spülte), begehrte auf, kritisierte die technischen, politischen und sozialen Unwägbarkeiten der Atomkraft, und der Slogan „Atomkraft – Nein danke!” war überall zu hören (und klebte dekorativ auf vielen Autos: eine kleine, rot-gelbe Sonne mit lachendem Gesicht). Ein Spruch der Gegenseite sei an dieser Stelle auch mal zitiert: „Atomkraftgegner überwintern/ bei Dunkelheit und kaltem Hintern” (5)

Interessant ist im Übrigen, dass es mittlerweile die Atomindustrie aufgegeben hatte, von „Atom” zu reden, sei es bei Strom, Kraftwerk oder überhaupt: Man nannte das alles nun „Kern-”: „Kernkraft”, „Kernenergie”, „Kernreaktor” und so weiter. Wenn sich dabei jemand an Gesundheit, Reformhaus (oder gar „bio”) erinnert fühlte – umso besser. Auf jeden Fall wollte man die einstmals so willkommene Assoziation mit der Atombombe nicht mehr (...und „Kernspaltung”, „Kernwaffen” und so weiter. Interessanterweise eben nicht: „Kernbombe”). Die Kernkraft(?)gegner sprachen natürlich weiter von „Atom” und von unangenehmen Dingen wie „Atommüll”.

Im Grunde gilt das heute noch, wenngleich die Debatte inzwischen weniger hitzig geführt wird und seit Tschernobyl und Fukushima sprechen sogar konservativere Kreise mitunter vom „Atom(!)ausstieg”.

Bei den Waffen sieht es interessanterweise noch einmal anders aus – auch hier gibt es „Fortschritte”, von der „H-bomb” bis hin zur „dirty bomb”, von transkontinentalen Langstreckenraketen bis zu den U-Boot-gestützten Mehrfachsprengköpfen (gibt’s die, oder habe ich mir die gerade eingebildet?) Denn hier kann man von „Atom”waffen(6) sprechen, von „Kern”waffen (7), aber natürlich, und das klingt dann noch komplizierter, von „nuklearen (8) Systemen”.

Warten wir also ab, was die Zukunft bringt. Denn – so sehr manche der Duden-Einträge an den Kalten Krieg und die damals verbreitete (9) Angst vor einem Atomkrieg gemahnen, irgendwie hat man das Gefühl, dass die Zeiten andere geworden sind, und so sprechen wir auch weniger von einem „nuklearen Winter” als von der „globalen Erwärmung”, auch wenn uns die Politiker (falsch! die gibt es nicht, aber große Teile der politischen Kaste) wieder mal nicht zuhören oder von „Sachzwängen” reden.

Nein, vielleicht wird es nicht so schlimm, und die Kernfusion (oder von mir aus „Atom”fusion) gelingt schließlich doch, und dann wird der Strom so billig, dass es sich nicht lohnen wird, dafür eine Rechnung zu schreiben, und dann fahren alle Autos mit dem sauberen und praktisch kostenlosen Fusions-Strom, und alle sind glücklich und froh bis an ihr Lebensende...




Fußnote
  1. „schreckliche Schönheit – a terrible beauty [is born]” ist ein aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat von William Butler Yeats (Easter 1916)
  2. Bizarrerweise trägt auch der Bikini seinen Namen nicht etwa, weil er zweiteilig ist („bi-” heißt ja „zwei-”, z. B. in bilateral oder (engl.) bicycle), sondern, weil sein Erfinder, der Franzose Louis Réard; für den Wäscheladen seiner Mutter den Zweiteiler erfand, der, so vermutete er, geradezu einschlagen würde wie eine Bombe: In jenem Jahr (1946) waren im Bikini-Atoll in der Südsee eine Reihe von Atombomben getestet worden: daher der Name.
    a terrible beauty ?
    Gleichzeitig arbeitete ein anderer Franzose, Jacques Heim, ebenfalls an einem zweiteiligen Badeanzug. Er wollte ihn „Atome” nennen...(Dieses nette Detail erwähnt zumindest der englischsprachige Wikipedia-Artikel)
  3. Scheinbar noch weiter hergeholt: Der indische Gott Shiva (oder, auf deutsch, „Schiwa”) ist Schöpfer und Zerstörer zugleich, und nur sein Tanz der Zerstörung („Shiva nataraj – Shiva der Herr des Tanzes” - eine sehr verbreitete Darstellung) macht überhaupt erst die Schöpfung möglich.
  4. Zur Klarstellung:: Nicht gemeint ist hier die sog. „starke Wechselwirkung” im Atomkern – neben der Schwerkraft, der „schwachen Wechselwirkung” und der elektromagnetischen Anziehung eine der vier Grund”kräfte” der Physik, zumindest nach dem gegenwärtigen Erkenntnisstand der Dinge.
  5. sowas heißt in der Rhetorik „argumentum ad hominem”, das bedeutet quasi einen Angriff unterhalb der Gürtellinie. Trotzdem: Das Zitat zeigt auch, wie emotional aufgeladen die Stimmung war.
  6. Dazu jede Menge Einträge im Duden, so z.B. die A.-Kraft, A.-Krieg, A.-Bunker und den A.-Angriff (wäre der Ihnen eingefallen?), aber auch den A.-Busen (vgl. Fußnote 2) und das A.-Ei („scherzhaft für Kern(!)reaktor”)
  7. Kern|waf|fe, die <meist Pl.>: Atomwaffe: taktische, strategische -n.” Daneben kennt der Duden noch die K.-Forschung und die K.-Explosion, die K.-Energie und das K.kraftwerk und den/die Kk,-gegner/in.
  8. nuklear, lt. Duden: „die Kernwaffen betreffend: die -e Strategie; -er Winter (mögliche Abkühlung der erdnahen Atmosphäre nach dem Einsatz von Kernwaffen); n. bedroht sein;” Das Ganze ist jedoch „bildungssprachlich”.
  9. Im doppelten Wortsinn: Nicht nur, dass sie weit verbreitet war, sie wurde auch regelrecht verbreitet...

Alle Dudenzitate aus:
© Duden - Deutsches Universalwörterbuch, 6. Aufl. Mannheim 2006 [CD-ROM].

Freitag, 5. April 2013

Ordnung und Chaos


"Die Basis einer gesunden Ordnung ist ein großer Papierkorb." Kurt Tucholsky
"Was ist Chaos? Es ist jene Ordnung die man bei der Erschaffung der Welt zerstört hat." - Stanisław Jerzy Lec

Die Erde war wüst und leer: tohu wa bohu (תהו־ובהו); bei den Griechen tat sich der Abgrund auf, Abyss, das Chaos; auch in der nordischen Mythologie war zuerst die Leere da :
"Einst war das Alter, da Ymir lebte:/ Da war nicht Sand nicht See, nicht salzge Wellen,/
Nicht Erde fand sich noch Überhimmel,/ Gähnender Abgrund und Gras nirgend. (Völuspa).
Die moderne Chaosforschung (kein Witz: die gibt's tatsächlich!), also die Erforschng chaotischer Systeme, ist spannenden Dingen auf der Spur. Dabei kennt die moderne Forschung meinen Schreibtisch gar nicht. Vielmehr geht es um emergente Strukturen, also um das Entstehen von Strukturen aus dem Ungeordneten, die Selbstorganisation des Unorganisierten.

                            Soviel einstweilen die Forschung.
               Für die meisten Menschens steht fest: Der Mensch bringt Ordnung:  
Adam benennt die Tiere (Genesis 2, 19) bis hin zum schwedischen Naturforscher Linné (1707 - 1778) (der tut das auch). Während Adam sich auf Namen beschränkt, die gleichzeitig Bezeichnungen sind (generische Namen), führt Linné 1735 den binären Namen ein. Statt, wie bis dahin üblich, vom "gestreiften Käfer, der auf der Kartoffelpflanze sein schädliches Werk betreibt (oder ähnlich fantasievolle Beschreibungen)" zu sprechen, nennt er selbigen Kerf "Leptinotarsa decemlineata". Das ist zwar auch ein langer Name, aber er ist präzise und folgt einer Systematik: Populär ausgedrückt, besteht er aus Vor- und Nachnamen. So wie Giacomo Meyerbeer ein Individuum namens Giacomo in der Familie der Meyerbeers ist, ist unser Käferlein das Individuum "Decemlineatus" (für die Lateiner unter uns: weil er 10 Streifen hat) in der Familie – genau genommen nennt man die Sippschaft in der Biologie Gattung – der Leptinotarsa. Linné wählte lateinische Namen, weil das international verständlich war. Die Namen für Familie, Gattung, Art haben in der Regel auch deutsche Entsprechungen (so sind Leptinotarsa sog. Blattkäfer, und unser Beispiel ist natürlich der Kartoffelkäfer.( Das scheint aber nur uns Deutschen logisch, denn auf Englisch heißt er Colorado Beetle). Wenn der spanische Name nun escarabajo de la patata ist, leuchtet ein, dass es vielleicht für alle besser ist, lateinische Namen zu benutzen, denn das versteht z.B. der normale Russe oder die Chinesin nicht.

Aber das Wichtigste ist: Linné hat eine in sich stimmige Systematik geschaffen (die, nebenbei bemerkt, vor allem auf Sex[ualitätskriteerien] beruht. Aber das ist eine andere Geschichte), eine Systematik, die heute noch gilt.
Eine vorläufige Systematik der Schaffung von Ordnung sähe vielleicht so aus:
Nicht umsonst heißt es am Anfang der Bibel, dass die Erde "wüst und leer" gewesen sei. Am Anfang des Universums war die bloße Existenz, das ungeordnete Durcheinander, Chaos. Die Dinge nebeneinander, und keiner, der sie ordnete (auch Gott nicht, denn der ist mit der Schöpfung beschäftigt)., bis eben Adam kam.
Eine Aufzählung der Dinge, so ungeordnet sie sein mag, ist ein rhetorisches Mittel: der sog. Homerische Katalog. Der Ausdruck bezieht sich auf den zweiten Gesang der Ilias, wo Homer eine schier endlose Aufzählung der griechischen Schiffe und der Anführer des jeweiligen Kontingents gibt. Das zeigt nicht nur die enorme Größe der griechischen Truppen vor Troja, das hat mythische Dimensionen.
Demgegenüber hat die (geordnete) Liste fast schon etwas Banales, Bürokratisches Bei der Bestandsaufnahme empfiehlt sich eine Ordnung und eine gewisse Präzision geradezu von selbst. In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass alle frühen Hochkulturen (Ägypten, Mesopotamien, Indus-Kultur) in dem Moment ins Licht der Geschichte rücken (alles vorher ist Vorgeschichte!), in dem sie die Mittel zur Inventarisierung und damit zur Planbarkeit der Warenströme entdecken: die Schrift, und mittelbar die Mathematik.
Verwandt, wenn auch nicht dasselbe, sind zum einen die sog. to-do-listen und die Agenden als Planung und mehr oder weniger verbindliche Abarbeitung von festen Programmpunkten. Sie dienen der Organisation von Arbeitsabläufen und strukturiertes Zeitmanagement. Hier könnte zum anderen auch der Einkaufszettel stehen, der hauptsächlich als Gedächtnisstütze dient: Die Hausfrau / noch schlimmer: den Hausmann) möchte ich sehen, die (der) nach einem Einkauf lediglich genau das mitbringt, was auf dem Einkaufszettel stand!
Die alphabetische Aufzählung hingegen hat mit Planung und Zeitabläufen nichts zu tun; sie bedient sich eines universellen Ordnungsschemas, das einen schnellen Zugriff auf Fakten ermöglicht, mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Das Alphabet ist eine der großartigsten Erfindungen der Menschheit (und, das wiederum nebenbei, anderen Schreibsystemen, etwa den Hieroglyphen, weit überlegen). In letzter Konsequenz wäre unsere gesamte westliche Buchkultur nicht möglich gewesen. Auch Kulturen mit Piktogrammen oder Hieroglyphen schreiben, aber eine Geschichtsschreibung zum Beispiel tut sich damit schwer, Sach- und Fachbücher mit Index wie überhaupt Lexika sind kaum vorstellbar.
Das bringt uns schließlich zu strukturierten Ordnungssystemen, bei denen zum schnellen Zugriff auf Fakten zusätzliche Grundprinzipien zum Tragen kommen. So kann die Ordnung
- chronologisch sein, eine
    • topologische Sortierung – das sind sachbezogene Reihenfolgen (etwa beim Anziehen von Kleidungsstücken), oder
    • hierarchisch – man denke z.B. an soziale oder politische Rangfolgen; (Ranking)
Ein besonderer Fall sind taxonomische Systeme, die nach bestimmten Eigenschaften klassifizieren (diese Klassen sind die Taxa) und dabei Ordnungen produzieren, die es erlauben, Zusammenhänge wie Verwandtschaft, Abhängigkeit oder Identität darzustellen. Ein Beispiel, und zugleich das wohl bekannteste, ist die Linnésche Taxonomie, d. h. die Einteilung von Tier- und Pflanzenreich in vordefinierte Kategorien wie Stamm, Klasse, Familie, Gattung oder Art.
Ordnungssysteme

Am (vorläufigen) Schluss unserer Betrachtung von Ordnungsstrukturen stünde wohl sinnvollerweise die Datenbank: computerbasiert und entsprechend vielseitig verwendbar und von einer Dimension, wie sie sich weder Homer noch Linné hätten vorstellen können. Doch das ist nun auch eine ganz andere Geschichte (nämlich die der Datenverarbeitung).