Mal was über Orange.

Orange?

Freitag, 15. Januar 2016

Schönheit durch Möbel

In vielen Kulturen gilt es als das Normalste von der Welt, auf dem Boden zu hocken. Höchstens hat man noch ein Kissen, wenn man es extra bequem haben will, sonst nichtsi.

Dalí, Mae West: schöner wohnen?
In unseren Breiten ist das normale Sitzmöbel der Stuhl. Hat er keine Lehne, ist es ein Hocker; als einfacher Stuhl hat er eine Rückenlehne, gelegentlich ein Paar Armlehnen, und das genügt. Wenn der Hocker sehr niedrig istii, nennt man ihn Schemel. Das englische Wort für Schemel ist übrigens stool; den Stuhl nennt man chair – vom frz. chaise. (der Hocker heißt dann bei den Franzosen tabouret, aber das führt jetzt zu weit). Sowohl "Schemel" als auch "Stuhl" sind alte germanische Wörter.

Man kann alles polstern: den Hocker, den Stuhl; mit Armlehnen und Polstern ist das eín fauteuil. Im Englischen heißt er logischerweise armchair, der Sessel. Die Schweden schreiben übrigens fotölj, weil man es so spricht. Siehe Ikea.

Man kann den Sitz eines Stuhls verbreitern. Wenn dies hauptsächlich dem bequemeren Sitzen einer einzelnen Person dient, ist das normalerweise gepolstert und heißt dann Récamière oder chaise longue (oder schäslong auf Schwedisch). Chaiselongue, also "langer Stuhl", mit einer Armlehne und einem gestreckten Sitz. Soll das Möbel Platz für zwei bieten, ist das entweder eine Bank (zum Sitzen) oder ein Sofa (zum Sitzen oder/und Liegen). Eine kuriose Variante eines zweisitzigen Sofas ist die confidante (aus offensichtlichen Gründen auch tête-á-tête oder love seat geheißen); leider etwas aus der Mode!


Ist der Aspekt der Polsterung zwecks bequemem Sitzen das Wichtigste, ist es ein Kanapéeiii; will man die Füße dabei hochlegen, nennt man es eine Ottomane. Das wäre, wörtlich genommen, eine osmanische (will sagen: orientalische) Liege: man weiß ja, dass sich der Orientale beim Fernsehen gerne hinfläzt.

Da wir es in unseren Wohnzimmern heute gern voll bequem haben, steht da meist eine wahre Polstermöbelliegelandschaft herum, mit dem einen Ende ohne Rücken- oder Seitenpolster: zum Hochlegen der Füße. Da wir uns beim Fernsehen so richtig paschahaft vorkommen, nennen wir dieses Teil Ottomane. Die Leute bei Ikea nennen das schäslong, wenigstens in ihrem schwedischen Katalog.
dies ist ein Sofa!


Die Couch wiederum, mit zwei gepolsterten Arm- und einer ebenso gepolsterten Rückenlehne, dient vor allem dem Liegen. Schon der Name verrät es: couch – von frz. coucher "legen, liegen, schlafen". Allerdings dient sie, anders als das Bett, außerdem auch zum bequem Sitzen. Das kann man auf dem Bett schon auch, aber das steht im Schlafzimmer, und man kann es Besuchern nur anbieten, wenn die Bekanntschaft tiefer geht.

Wenn das Bett eine box-spring-Matratze hat und im Vereinigten Königreich steht, nennt man es gern divan; bei uns ist der Diwan zum einen längst aus der Mode, zum anderen bezeichnete das Wort – übrigens im Ursprung persisch – eine Art Sofa.

Fußnoten
iIn Akira Kurosawas Film Kagemusha von 1980 sieht man mehrfach eine Art Schemel, der offensichtlich nur dazu da ist, dem Samurai zu erlauben, den Ellbogen abzustützen, während er sich sinnierend den Schnurrbart streicht.


iiWenn der Hocker hochbeinig ist, handelt es sich um einen Barhocker. Interessanterweise bezeichnet dieses Wort das Möbel und nicht den Menschen, der an der Bar rumhockt. (Den könnte man ja Barrumhocker nennen).

iiiDas Interessanteste am Kanapee ist seine Etymologie. Am Anfang war die Stechmücke, griech. κωνωπσ (konops), das führte zu κωνωπεῖον (konopeion), "Mückennetz", und das wiederum, nun übertragen auf das Schlafmöbel, an dem es angebracht war, über Latein (conopium) und Französisch (canapé) zum Kanapee.

Sonntag, 13. Dezember 2015

Comic-Professur

newsflash

Die britischen Universität hat Benoit Peeters (vgl. die Wundertüten-Rubrik zum Thema Comics) zum Professor für graphische Fiktion und Comic-Kunst berufen. Wir gratulieren herzlich! (der Uni und Herrn Peeters).
Näheres: von der University of Lancaster. Meldung im  Guardian und in der Süddeutschen Zeitung

Namen Gottes ("Ich bin der ich bin" Exodus 3, 14)

Die Namen Gottes ("Ich bin der ich bin" Exodus 3, 14)

It was very big to think about everything and everywhere. Only God could do that. He tried to think what a big thought that must be; but he could only think of God. God was God's name just as his name was Stephen. DIEU was the French for God and that was God's name too; and when anyone prayed to God and said DIEU then God knew at once that it was a French person that was praying. But, though there were different names for God in all the different languages in the world and God understood what all the people who prayed said in their different languages, still God remained always the same God and God's real name was God.
James Joyce, Portrait of the Artist as a Young Man (1917)



Auch die, die von ihrem Gott alles glauben zu wissen, wissen eines nicht: seinen Namen. Doch das ist, wenn man genau hinschaut, eine ursprünglich jüdisch-christliche Tradition. Andere Religionen nennen ihre Götter beim Namen: Vishnu oder Brahma, Baal oder Osiris, Quetzalcoatl oder Manitou. Man muß schließlich wissen, wem man opfert.

Im Islam hat Gott 99 Namen, nicht nur "Allah". Man betet "bismi 'llahi r-rahmāni r-rahim", zum Namen Gottes, des Barmherzigen, des Gnädigen. Das sind zwei seiner Namen, und nur den hundertsten, den kennt der Gläubige nicht, den kennt nur Gott selber.

Im Angesicht Gottes: Gustave Dorés Illustration zu Dantes Göttlicher Komödie
 Warum macht die jüdische Tradition, und ihr folgend das Alte Testament so ein Geheimnis daraus? Warum verschweigt der Koran den hundertsten Namen Gottes? Weil es das letzte, höchste Geheimnis ist, das zu wissen dem Menschen nicht zusteht. - ??: Warum denn nicht?
Weil Namen Macht bedeuten. Wer den Namen eines anderen kennt, hat ein Stück weit Macht über ihn. Das ist nicht nur in der Religion so, das gilt auch im Mythos, im Märchen: Man denke an Rumpelstilzchen!i

Natürlich hat Gott einen Namen im Judentum, das ist das Paradoxe: Man darf ihn nur nicht nennen. Er lautet - ich wage das jetzt mal, ihn zu nennen - er lautet JHWH, auf Hebräisch יהוה , und da man im Hebräischen nur Konsonanten schreibt, kann man ihn indirekt umschreiben, indem man die "falschen" Vokale einsetzt. So wird aus Jahweh dann Jehovah. Das ist für fromme Juden immer noch viel zu direkt, und so spricht man von "ha schem" - das heißt einfach "der Name" (!) - oder man greift zu Formen wie "Adonai", "Herr"- Daraus wird in der englischsprachigen Tradition nicht nur "the Lord", sondern oft " the LOrd", und alle Personalpronomina, die sich auf ihn (sorry: Ihn) beziehen, schreibt man groß: "And He gave us His word, so that we may know Him," usw. usf.

Gott hat natürlich noch viele andere Namen im Judentum und im Alten Testament: Zebaoth zum Beispiel, Elohim oder El Schaddai. Dazu gleich mehr. Das eben erwähnte "Adonai" ist interessant, denn es ist eine Pluralform: eigentlich also nicht "der Herr", sondern "die Herren". Das hat mit der komplexen Entstehungsgeschichte des Pentateuch (das sind die im Christentum so genannten "Fünf Bücher Moses") zu tun und läßt wohl darauf schließen, dass der eine Gott ("the one, one, one", wie Salman Rushdie ihn nennt) des Judentums zahllose vorderasiatische Stammesgottheiten ersetzt.

Plural ist übrigens auch "Elohim"; "El" heißen Götter im vorderasiatischen Raum gerne, denn das heißt "Herr". "Elohim" heißt also auch "Herren". Gleichbedeutend mit "El" ist "Baal", den wir auch in dämonischer Gestalt als "Beelzebub" kennen, als "Herr der Fliegen". "Zebaoth" heißt wohl ["Herr der] Heerscharen". Die hellenistischen Übersetzer der Septuaginta konnten damit offenbar nicht so viel anfangen und übersetzen es mit "Pantokrator", also "Schöpfer [des Universums]". Eine doch eher freie Übersetzung! Wie ich der Wikipedia entnehme, verwendet die katholische Liturgie stattdessen "Herr aller Mächte und Gewalten". Hier muß ich doch mal der katholischen Kirche beipflichten.

Ausserhalb der kirchlichen Liturgie nennt man Gott umgangssprachlich gern "den lieben Gott". Das englisch "good God" entspricht dem nur bedingt, das französische "le bon Dieu" schon eher. Und wenn die Italiener "Sant'Iddio" sagen, klimgt das auch eher nach "mon Dieu"/"good God" als nach dem Vater im Himmel (oder "Himmipapa", wie meine donauschwäbische Schwiegergroßmutter zu sagen pflegte, wenn sie ihren Enkeln theologisch Grundlegendes erklärte).



Und zum Schluss noch etwas, das weder mit le bon Dieu zu tun hat noch und schon gar nicht mit meiner Schwiegergroßmutter, sondern einfach, weil es höchst interessant ist und weil es schön zeigt, wie nah beieinander das Teuflische und das Göttliche liegen. Ich zitiere aus Meyers Großem Konversations-Lexikon von 1905:

Teufels Großmutter, die weibliche Begleiterin des Teufels (die in christlicher Zeit wegen des sakramentalen Charakters der Ehe nicht seine Frau sein durfte), entsprechend der Gattin des Gottes Loki. Ihr wird in der Literatur Konkurrenz gemacht durch des Teufels Mutter, die zuerst im 13. Jahrh. in Herborts von Fritzlar »Trojanischem Krieg« erscheint und bis Ende des 15. Jahrh. ausschließlich das Feld behauptet. Von kabbalistischer Seite erhielt dann die Großmutter eine neue Stütze durch die Teufelin Lilith, Adams erster Frau, von welcher der Teufel abstammt. Sie erscheint in mehreren Fastnachtsspielen, scherzhaft auch bei Luther und mit geradezu dogmatischem Ernst in einer Schrift des Abtes von Pegau (1524). Seit dem 17. Jahrh. wurde sie durch des T. G. mehr und mehr verdrängt


i Interessanterweise ist es offenbar auch ratsam, den Teufel nicht beim Namen zu nennen (wohl deshalb, weil man ihn damit herbeiruft). Daher gibt es so schöne Umschreibungen wie "der Gottseibeiuns". Und "Voldemort" darf man ja auch nicht sagen.

Wege

A83, Glen Croe, Rest & Be Thankful RLH" by Richard Harvey (Wikipedia)



Via Appia
Römerstraßen
"Alle Wege führen nach Rom" – das war fast wörtlich wahr; denn das römische Imperium konnte nur mit einer aufwendigen Infrastruktur funktionieren. Die Straßen der Römer waren Meisterleistungen der Ingenieurskunst: befahrbar, wenn ältere und primitivere Straßen im Sumpf versanken, und so gerade, dass sie oft jahrhundertelang in Gebrauch blieben.
Via Aurelia, Via Claudia Augusta, Watling St
Autoput
Transitstrecken
Als Jugoslawien noch existierte, gab es eine offizielle Strecke für den Transitverkehr, den sogenannten Autoput (serb. für Autobahn), der von Österreich über das heutige Slowenien, Kroatien, Serbien und Mazedonien nach Griechenland (und weiter in die Türkei) führte. Die Verbindung – damals noch nicht durchgängig als Autobahn ausgebaut – wurde vor allem von Griechenland-Urlaubern und Gastarbeitern aus Griechenland und der Türkei genutzt.
Viel stärker politisch reglementiert war der Transitverkehr durch die DDR*: Von wenigen deutsch-deutschen Einreisepunkten führten Autobahnen nach Westberlin, die unter keinen Umständen verlassen werden durften. V.a. Hof (Bay.), Helmstedt (Niedersachsen), Herleshausen (Hessen) waren die Grenzübergänge für den Straßenverkehr.
Route 66
Tourismusrouten
Zwischen Nostalgie und reizvollen Strecken lässt sich auch kommerziell einiges herausholen; die legendäre Route 66 war 4000 km lang und führte von Chicago nach Kalifornien. Sie existiert nicht mehr als zusammenhängende Fahrstrecke, ist aber umso beliebter bei Touristen und Geschäftsleuten. Voller roadside attractions.
Romantische Straße, Burgenstraße, Deutsche Märchenstraße, Straße der Industriekultur, Deutsche Alpenstraße, Hessische Apfelwein- und Obstwiesenroute (schöner Name!) - über 100 allein in Deutschland.
Orient Express
Bahnstrecken
Sentimentale Gefühle bleiben nicht aus, wenn man von der guten alten Zeit der Bahnreisen spricht (gerade auch im Kontrast zur gegenwärtigen wenig kundenfreundlichen Praxis der Bahn). Der bekannteste der früheren Luxuszüge, der Orient Express, beförderte die Reisenden von Paris nach Konstantinopel – im Pullman-Liegewagen, Salonwagen und mit Service erster Klasse.
Transsibirische Eisenbahn, Venice-Simplon Express, Rheingold, Oostende-Wien Express, Royal Scotsman,
Camino de Santiago
Pilgerwege
Wallfahrten sind definiert durch das Ziel, und vielfach führen sie entlang alter Routen, die, zahllos und verästelt in ihrem Verlauf, immer mehr zusammenfließen, je näher sie dem Zielort sind. Der Pilgerweg nach Santiago hat viele Anfänge in z.T. fernen Teilen Europas, aber nur ein Ziel: Santiago de Compostela in Nordwest-Spanien (Galicien). Landschaftlich reizvoll und heute noch beliebt.
lokale Pilgerfahrten gibt es viele; Zielorte wie Lourdes, Rom oder Częstochowa werden noch viel besucht, andere, wie z.B. Jerusalem, seltener als früher. Pilgerreisen gibt es jedoch nicht nur im Christentum; der muslimische Hadsch führt jährlich Millionen nach Mekka.
Seidenstraße
Handelswege
Die Seidenstraße gibt es nicht – es gibt viele Routen; es gibt auch keinen klaren Ausgangspunkt, und auch das Ziel ist diffus. Und doch: Diese Handelsverbindung zwischen Orient und Okzident übt heute noch einen magischen Reiz aus, und Namen wie Buchara, Taschkent oder Samarkand klingen wie Poesie. Und auch wenn ein Großteil der weltweiten Handelsrouten über das Wasser führten – sie waren sämtlich Motoren der Weltgeschichte.
Salzstraßen (etwa der Hellweg). die Bernsteinstraße, der Goldene Steig oder die Gewürzrout über den Indischen Ozean. Auch über die Seidenstraße wurden mannigfaltige Waren transportirt, nicht nur Seide.
Nürburgring
Rennstrecken
Rennstrecken führen letztlich alle nirgendwohin, und auch wenn nicht bei allen Start und Ziel beisammen liegen, bewegen sie sich im Kreis: sinnlos, ökologisch nicht vertretbar und teuer.
Monza, Le Mans, Indianapolis, Brands Hatch, Monaco & the rest
"Rest and be thankful"
Eile mit Weile
So heißt ein Teil der A 83 in Schottland (56°13′36″N 4°51′25″W); der Pamoramablick zwischen zwei beschwerlicheren Streckenabschnitten lud zum Verweilen ein und ist noch heute reizvoll.
vernünftig reisen können wir alle; wenn der Weg das Ziel ist, ist viel gewonnen.
*DDR, die ursprüngliche SBZ (sowjetisch besetzte Zone) oder (Ost)Zone, später gern auch "DDR" (mit Anführungszeichen, besonders in der "Bild"); wir im kapitalistischen Westen waren dagegen Westdeutschland, oder lieber BRD. Ostdeutscher Sprachgebrauch bezüglich Berlin war zum einen Westberlin – nie ohne West-! - und zum anderen BerlinHauptstadtderDDR.

Samstag, 14. November 2015

I ♥ My Style (?)

Männlichen Lesern sei es einmal gesagt: Schminken ist nicht so einfach, wie ihr denkt.
Schauen wir doch einmal an einem Beispiel, wie das geht. Dazu wählen wir den "Seventies Look", wie er in der Zeitschrift Couch (Ausgabe 7-8) vom Sommer 2015 beschrieben wird.
"So geht Hippie-Style: Violetter Cremelidschatten, als Verwandter aus der Blaufanilie, wird hier zum coolen Eyecatcher. Toll in Kombination mit Fake-Lashes, die nach dem Aufkleben noch einmal getuscht werden".
der Seventies Look von heute

Nachdem ich die Seventies selbst erlebt habe, kann ich bestätigen: das mit den verlängerten Wimpern stimmt zumindest für die Models (die man damals noch Mannequins nannte) in den Zeitschriften und in der Werbung; dass die Hippies sich ansonsten groß geschminkt hätten, muss mir entgangen sein. Im Gegenteil: Alle Blumenmädchen, die ich kannte, schminkten sich eben nicht, weil das natürlicher aussah.
Aber wir leben in der Jetztzeit; das Ganze ist "retro", und da ist alles erlaubt. Außerdem hat niemand etwas von 'authentisch' gesagt.
Die Zeitschrift mit dem eigenartig unpassenden Titel habe ich während eines Mikrourlaubs in einem Hotel ausliegend aufgelesen und fasziniert studiert. Nicht nur verspricht sie schon auf der Titelseite einen "Shopping Guide! 100 It-Pieces für einen stylischen Sommer" und "50 Seiten (gemeint sind wahrscheinlich "pages") HOLIDAY FEELING: mediterrane Möbel, Sexy Bikinis, Beach-Make-Ups & Sommerdrinks." Ein gelber Button versichert: "I ♥ MY STYLE". Auf den meisten der fast 200 Seiten (!) war ungeniert Werbung° : Keine ganzseitigen Anzeigen, sondern kataloghafte Auflistungen von Style-Elementen, ihrer bis zu 20, komplett mit Preisangaben und Bezugsquellen. Wie man da zu seinem eigenen Style kommen soll, wird nicht ganz klar.
Kommen wir zurück zu den Schminktipps:
Ein Herr Schmid, immerhin "National Make-up Artist für Chanel in Deutschland" gibt Profi-Tipps, mit denen die neuen Looks (wie z.B. oben erwähnter 'Seventies Look') "ganz easy" gelingen. Es geht diesen Sommer (bzw. ging: Wir haben ja schon stylishen Herbst) um blaue Augen.
"Die Basis. Blaues Make-up braucht eine perfekte Basis. Wer noch keinen Sommerteint aht, deckt Augenschatten mit Concealer ab und pinselt sich einfach mit Bronzepuder die Sonnenbräune auf Wangen, Stirn und Nasenrücken." Dann: "DIE NUANCEN. KNOW HOW: Das Gute an Blau: Es gibt so viele Nuancen...." und: "So hält's. Damit es nicht nach Veilchen aussieht, das Lid am besten mit einem nudefarbenen Eyeshadow vorgrundieren, erst danach das Blau auftragen. Mit leicht feuchtem Pinsel appliziert, halten die Pigmente deutlich besser." Und so weiter.
Ich gestehe, ich verstehe nicht ganz, was für einen Augenschatten (Eyeshadow?) man mit Concealer abdecken soll, wenn man doch noch gar keinen Sommerteint hat. Was ein nudefarbener (??) Eyeshadow (?!?) als Grundierung soll. Warum es dann weniger nach Veilchen aussieht, wenn doch violetter Lidschatten ein Verwandter aus der Blaufamilie ist. Aber auch, warum Blau mehr Nuancen haben soll als z.B. Grün, weiß ich nicht.
Ist eigentlich auch egal. Man braucht halt einfach "Die Produkte zum Look":
Offen gestanden: Ein Malkasten mit lediglich 4 Schattierungen, der 51 Euro kostet (und zum Zeitpunkt der Bewerbung noch nicht einmal erhältlich ist!) ist unverschämt teuer, Chanel hin oder her.


° Man fragt sich, wieso die Zeitschrift angesichts des enormen Werbeaufkommens noch Geld kostet: immerhin 2,20€

Montag, 9. November 2015

Zündhölzer

Prometheus und Lucifer
In der römischen Mythologie wurde Luzifer als poetische Bezeichnung für den Morgenstern, also den Planeten Venus verwendet. Es handelt sich hierbei um die wörtliche Übersetzung der griechischen Begriffe Phosphóros („Lichtbringer“) bzw. Eosphóros („Bringer der Morgenröte“). Im Lateinischen war der "Lichtbringende" Lucifer und, durch eine missverständliche Formulierung in der Übersetzung der griechischsprachigen Bibel ins Lateinische (Lukas 10, 18: "Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz") wurde er bald mit dem Teufel gleichgesetzt. Man fühlt sich an die Sage von Prometheus erinnert, der den Menschen das Feuer brachte und für diesen Frevel von den Göttern hart bestraft wurde.
Im Niederländischen nennt man Zündhölzer noch heute luciferi (Een lucifer is een klein houtje met een ontvlambare kop, waarmee vuur gemaakt kan worden) [ein klein Hölzlein mit entflammbarem Kopf womit Feuer gemacht werden kann].
Zündhölzer
Ein Feuer zu entzünden ist schwierig; leichter ist es, wenn man von einem bereits brennenden Feuer die Flamme zum Anzünden des neuen Feuers verwenden kann. Dazu verwendet man zweckmäßig ein Stück Holz (allumette im Französischen, von allumer entzünden), besonders gerne aus Holz von Nadelbäumen, das besonders harzreich ist und vergleichsweise lange brennt. Ein solches Holz nennt man Kien(Span), und bei armen Leuten diente jahrhundertelang ein Kien, der in eine Halterung geklemmt war, als zwar schwache, aber billige Beleuchtung der Wohnung.
Ein anderer Name für das Holz, mit dem man Feuer überträgt, ist Fidibus. Woher dieser Name stammt, ist nicht eindeutig geklärt. Das Englische match kommt über das Altfranzösische aus dem Griechischen, wo das Wort μύξα den Docht einer Lampe bezeichnet.
 Schwefelhölzer.
Als Anzündhilfen wurden im 19. Jahrhundert Hölzer gebräuchlich, die am einen Ende mit schwefel- und/oder phosphorhaltigen Substanzen versetzt waren. Diese waren zwar hochgiftig, aber leicht entflammbari. Bei ihrer Herstellung und dem Vertrieb waren fast ausschließlich die Ärmsten der Armen, und da wiederum besonders
Frauen und Kinder beschäftigt, die sich häufig Phosphornekrosen zuzogen, die sie grässlich entstellten (der Unterkiefer wurde durch das giftige Phosphor zerfressen) und, falls sie überhaupt überlebten, unfähig wurden, irgendeiner Arbeit nachzugehen. Andersens Märchen vom Mädchen mit den Schwefelhölzern (Den lille pige med svovlstikkerneii) erzählt ein solches Schicksal.

Alleszünder und Sicherheits-Zündhölzer (safety matches). Erst 1906 wurden die Alleszünder, jene überall leicht entzündbaren Hölzer, die man nur an irgendeiner rauen Fläche reiben musste, (notfalls an der Schuhsohle), durch internationale Konvention verboten. Dies führte rasch zur Entwicklung von Alternativen, d. h. Hölzern, die man nur an geeigneten Flächen entzünden konnte, welche gewöhnlich als Reibefläche an der Schachtel mitgeliefert wurden. Diese Sicherheitshölzer sind noch heute allgemein gebräuchlich.
Schwedenhölzer
Dem schwedischen Industriellen Ivar Kreuger (1880-1932) gelang es, mit seiner Streichholzfabrikation Svenska Tändsticks AB (STAB) ein weltweites (beinahe-)Monopol auf Zündhölzer aufzubauen: Anfang der 1930er Jahren kontrollierte er drei Viertel des Marktes und war auch in anderen Bereichen aktiv (Papierindustrie, Bergwerke, Filmindustrie). Trotzdem nahm Kreuger sich 1932 das Leben, vermutlich aus Sorge um sein Finazimperium.
In Deutschland wurden die "Schwedenhölzer" als "Welthölzer" vertrieben. Hierzulande bestand das schwedische Monopol bis 1987.

Misc.


Heute sind Streichholzschachteln ein beliebter Werbeträger, v.a. in Supermärkten, im Hotel- und Gastronomiegewerbe, etc. Die Streichhölzer selber werden gerne für Bastelarbeiten benutzt.
Modell einer Dampflok, gebastelt aus Streichhölzern

Das Sammeln von Streichholzschachteln und -briefchen wird als Phillumenie bezeichnet.

matchbox: Modell-Autos, die in eine Streichholzschachtel passen. (N.B. In GB sind die Schachteln gewöhnlich etwas größer, aber der Name ist ohnedies nicht ganz wörtlich gemeint).


i Das englische Wort für "entzündlich, entflammbar" ist an sich "inflammable" (ent-flamm-bar). In amerikanischen Sicherheitshinweisen ist hingegen oft von "flammable" die Rede – offenbar, weil man das "in-" für eine Art "nicht-" hält (quasi "un-flamm-bar")
ii seit 1928 mehrmals verfilmt. Neutöner Helmut Lachenmann komponierte eine 1997 Oper; der Stoff wurde auch von anderen mehrfach vertont (Webenau, Mors); zu einem Musial verarbeitet, von den Disney-Studios vertrickfilmt (The Little Matchgirl)


Was sagt die Uhr?

Von sich aus gar nichts. Man muss schon ein klein wenig Mühe investieren, wenn man wissen will, was die Stunde geschlagen hat.

Da gibt es ja zum Beispiel die sogenannten "digitalen" Uhren; da heißt es: rechnen können. Zeigt die Digitaluhr etwa '11:40', dann bedeutet das '5 Minuten vor dreiviertel Zwölf'. Und 0:00 ist Mitternacht.

Glücklich ist dagegen, wer im Kindergarten gut aufgepasst hat, als es hieß "Wir lesen die Uhr". Kreisrund, wie eine Uhr sein soll, und mindestens zwei Zeiger: einen für Stunden, und einen für Minuten. Manchmal gibt es auch einen für Sekunden, während z.B mein Wecker insgesamt vier Zeiger hat. Der vierte zeigt an, wann der Wecker vorhat, mich zu wecken. Noch mehr Zeiger wären allerdings wirklich nicht nötig; ein fünfter könnte höchstens anzeigen, wieviele Minuten es gerade in Australien sind. Aber wer will das schon wissen...

Jedenfalls muss man wissen, dass jeder Zeiger sein eigenes Tempo hat, so dass der Minutenzeiger eine Stunde braucht, um einmal den ganzen Parcours zu durchlaufen, während der Stundenzeiger einen halben Tag dafür braucht. Dafür schafft es der Sekundenzeiger in einer Minute. Wem jetzt aufgefallen ist, dass der Sekundenzeiger eine Minute, der Minutenzeiger eine Stunde und der Stundenzeiger einen halben Tag (und keinen ganzen!) braucht, der hat gut aufgepasst und kann schon fast die Uhrzeit ablesen. Man muss ja auch nur sehen, wo der jeweilige Zeiger hinzeigt und das Ganze dann zusammenzählen. Man sagt dann: 'Es ist jetzt X Stunden und Y Minuten (und Z Sekunden; muss aber nicht)'. Die Werte für X, Y (und Z) sind die, auf die der jeweilige Zeiger zeigt. Drum heißt der ja so: Zeiger, weil er zeigt.


Eine kleine Komplikation ergibt sich daraus, dass der Stundenzeiger an jedem Tag den Gesamtkreis zwei Mal umrundet: einmal morgens und einmal abends. Im Englischen sagt man 'a.m.' für 'am Morgen' (kleiner Scherz: das 'm' steht für Mittagessen) und 'p.m.' für 'nachmittags' oder 'abends' (und eigentlich steht das 'p' für 'post', und das ist Lateinisch für 'nach'). Also ist, sagen wir, "a quarter to ten a.m." Viertel vor zehn vor dem Mittagessen", aber das ist fast ein wenig komplizierti.

Aber es kommt noch dicker: Nicht nur jeder Zeiger hat seine eigene Zeit, auch jeder Mensch hat seine eigene. Das nennt man Biorhythmus. Dazu ein kleines Experimentii: Bei mir ist es jetzt genau 16:34 Uhr (sagt mein Computer), und bei Ihnen ist es – schauen Sie mal auf die Uhr!: - eine ganz andere Uhrzeit (höchstwahrscheinlich). Angeblich hat jeder von uns eine 'innere Uhr', aber die will meistens nur noch ein Viertelstündchen weiterschlafen.

Viele von uns, die noch eine Oma auf dem Dorf haben, kennen noch die Kirchturmuhr. Wenn sie einmal schlägt, ist es 'viertel', bei zwei Schlägen 'halb', bei drei 'dreiviertel' – aber was? Welche Stunde, erfährt man erst, wenn die Uhr vier Mal geschlagen hat, weil dann erst die andere Glocke schlägt, etwa fünf Mal, für die Stunde. Dann ist es also fünf Uhr nachts, und man hat jetzt fast eine geschlagene (!) Stunde wegen des ständigen Gebimmels nicht schlafen können. Und bald kräht der Hahn...

Auf hoher See gibt es das auch: nicht den Kirchturm, aber das Gebimmel. Der Seemann teilt den Tag in (4) sog. 'Wachen' ein, und die Nacht in deren zwei. Jede halbe Stunde, nämlich dann, wenn er gerade sein Stundenglas herumgedreht hat, schlägt der diensthabende Matrose einmal die Glocke, zur vollen Stunde zweimal (und dreht dabei sein Stundenglas erneut), und wenn das zum Beispiel sieben mal ertönt, und zwar sechs Doppel- und einen Einfach-Schläge (bimbim, bimbim, bimbim, bim), dann ist es "sieben Glasen", und der Passagier muss nur noch rauskriegen, welche Wache dran ist, und schon weiß er: Es ist halb Acht (1. Tagwache), halb Zwölf (2. Tagwache), halb Vier (3.Tagw.), halb Acht Uhr abends (4.T.), eine halbe Stunde vor Mitternacht (1. Nachtwache) oder kurz vor vier Uhr früh (2.N.). Es sei hier angemerkt, dass auch Land- und Seemann ihre innere Uhr haben, und die will eigentlich nicht alle Viertelstunde mitgeteilt bekommen, dass sie noch ein wenig weiterschlafen könnten.

Daneben gibt es natürlich noch andere Uhren, etwa die Sonnenuhr. Die sieht häufig recht dekorativiii aus, aber das ist es dann auch schon. Bestenfalls sind das keine Uhrzeiten, sondern Schätzgrößen, und bei schlechtem Wetter gibt’s nicht einmal eine Empfehlung. Auch nachts bleibt die Uhrzeit im Dunkeln, da hilft auch die stärkste Taschenlampe nichts. Außerdem geht praktisch jede Sonnenuhr ein halbes Jahr, nämlich während der sog. Sommerzeit (MESZ) gnadenlos eine Stunde nach!
Sanduhren sind keine große Hilfe, da man sie ständig umdrehen muss; hat man's einmal vergessen, ist der Rest des Tages schon gelaufen. Außerdem ist es ziemlich beliebig, wann man beginnt, sie am Morgen das erste Mal umzudrehen. Das Resultat ist ab dann eher so etwas wie "Es sind schon gute sieben Stunden vergangen seit dem Hahnenschrei" – eigentlich auch schon egal.
Eine Eieruhr ist Etikettenschwindel: Man kann Stunden warten, und sie legt kein Ei.

Doch es gibt andererseits die Physikalisch-Technische Bundesanstalt in Braunschweig, die nicht nur eine, sondern sogar drei sog. Atomzeituhren betreibt: derzeit das Genaueste, was an Zeit gibt.
iDenn wenn es etwa heißt: "Two quarters to ten a.m.", ist das umgerechnet "Half past nine a.m." Wohl dem, der rechnen kann!

Fußnoten

i Denn wenn es etwa heißt: "Two quarters to ten a.m.", ist das umgerechnet "Half past nine a.m." Wohl dem, der rechnen kann!
ii Ganz ohne Geräte geht es in der Physik: Statt zweier Uhren werden etwa ein Astronaut und ein Schwarzes Loch verglichen. Weil das kein Astronaut wirklich mitmachen wird, nennt man das 'Gedankenexperiment', und dann geht’s auch so.
iii Für manche Leute gibt es neben dem Nominativ, dem Genitiv, dem Dativ und dem Akkusativ auch noch den Dekorativ. Eigentlich ist der aber völlig unnütz.