Mal was über Orange.

Orange?

Donnerstag, 11. Februar 2016

Wie kann man sich den Zwerg erklären?

Das alte deutsche Wort twerch (auch zwerch) heißt quer, etwa beim Zwerchfell, das ja quer im Bauchraum liegt. Man ist mit jemandem überzwerch – wie man mancherorts* sagt – wenn man im Streit mit ihm liegt. So ist es naheliegend, beim Wort Zwerg entsprechend zu deuten: ein Zwerg ist etwas Widerspenstiges, ein renitenter Geist. Man sagt ja auch gern: Giftzwerg, wenn jemand sich unnötig aufspielt.

Ein anderes Wort für Zwerg ist der Gnom. Dies leitet sich interessanterweise vom griechischen gnomon her, dem Zeiger einer Sonnenuhr. So ein Gnomon steht halt da wie ein Zwerglein.

Pygmäen sind, auch wenn der Ausdruck heute nicht mehr politisch korrekt ist, zwergwüchsige Menschen aus Afrika. Ihre Physiognomie (-gnom-!) ist auffällig geprägt von einem Fettsteiß (das ist das Fachwort! Gleich kommt ein noch originelleres). Weil das Wort unangenehm drastisch klingt, sagt man, ein solcher Mensch ist steatopyg. Das heißt dasselbe, ist aber griechisch. Der Wortteil stea- (στέαρ) heißt 'fett' (daher Stearin – das Material, aus dem früher meist die Kerzen waren), und -pyg (πυγη) ist der 'Hintern'. Es gibt – um das Niveau ein wenig zu heben – Darstellungen der Göttin Venus, bei denen das besonders Gesäß hervorgehoben und von schöner Gestalt ist. Solche Darstellungen nennen Fachleute Venus kallipygos, d.h. 'Venus mit dem schönen Hintern', bzw. - jetzt kommt's! - die 'Prachthintrige'.

Da lag es nahe, die Pygmäen nach ihrem Gesäß als Pygmäen zu bezeichnen.

Alles insgesamt plausible Theorien, aber leider alle falsch. Wie das bei plausiblen Theorien so ist: eine ganze Menge davon stimmt, nur die Schlussfolgerung nicht.
Carl Spitzweg: Gnom, Eisenbahn  betrachtend


Ein paar Fakten, und dann die heute als wahrscheinlich akzeptierten Theorien:

  • zwerch heißt 'quer'
  • gnomon ist der Zeiger der Sonnenuhr
  • steatopyg heißt 'fettsteißig'
  • die Venus kallipygos gibt es wirklich.

"Zwerg" ist seit dem 10. Jhd. belegt, aber nicht weiter erklärbar; es gibt Entsprechungen in anderen germanischen Sprachen isl. dvergur, schwed. dvärg, norw. dverg oder dän.dværg. Und natürlich das englische dwarf. Hier stutzt man: dw- wird zu zw-, gut, mag angehen: aber der Konsonant am Schluss ist – in allen diesen Sprachen – ein -g; wo käme denn dann im Englischen das -f her? Nun, das ist gar nicht so ungewöhnlich: Man denke an cough, enough oder laugh, Wörter, die irgendwann einmal einen g-Laut am Schluss hatten, den man ja auch noch schreibt, und die alle im gesprochenen Englisch -f lauten. Das gilt offenbar nur für das Englische: ein angelsächsischer Sonderweg.

Der Zeiger der Sonnenuhr – ursprünglich wohl nur ein in die Erde gesteckter Stab – hieß tatsächlich γνώμων (gnomon). Nur hat das nichts (zumindest nichts Nachweisbares) mit einem Zwerg zu tun.
Andererseits ist die tatsächliche Herkunft des Wortes Gnom als Synonym für Zwerg ungeklärt. Paracelsus (der Alchimist und Philosoph Philippus Theophrastus Aureolus Bombastus von Hohenheim) scheint das Wort erfunden zu haben (16.Jhd). Aber es klingt griechisch, und für Paracelsus war es gleichbedeutend mit pygmaei, Pygmäen, die schon in der griechischen Antike so hießen. πυγμαῖος war ein "faustgroßer" Mensch und mythisch; das tatsächlich existierende Volk (bzw. Volksgruppen: auch das ist kompliziert) in Afrika wurde erst viel später danach benannt. Vgl. hierzu auch unseren "Däumling."

Die Bewohner von Lilliput, einer fiktiven Insel im Südmeer, sind sprichwörtlich geworden; eigentlich sind sie eine Erfindung des anglo-irischen Schriftstellers und Satirikers Jonathan Swift. der sich bei der Schilderung der Lilliputaner über die kleinlichen Zänkereien der englischen Politiker seiner Zeit belustigte. (Übrigens besucht der Erzähler des Romans, Lemuel Gulliver, noch einige andere bizarre Länder, darunter Brobdingnag, wo er der Winzling ist: ein erfrischender Perspektivwechsel!).

Und da ist natürlich Oskar Matzerath aus der Blechtrommel, der mit 3 Jahren beschließt, nicht mehr zu wachsen, was es ihm ermöglicht, die Menschen in seinem Umfeld so zu sehen, wie sie sind. Vor einem Kind demaskieren sich alle selbst.

Der wohl bekannteste kleinwüchsige Mensch unserer Tage, ist Bilbo Baggins. Zusammen mit den anderen Hobbits verkörpert er das gemütliche, un-hektische Gemüt, das, so Tolkien, der Erfinder von Middle Earth (wovon the Shire ein Teil ist) in uns allen schlummert. Bilbo ist so ungefähr der unheroischste Mensch (oder eben nicht Mensch), der denkbar ist. Und das Wort Hobbit hat Tolkien selbst erfunden. Als 2004 in Indonesien die Spuren eines bis dahin unbekannten Vormenschen entdeckt wurden, dessen auffälligstes Merkmal seine geringe Körpergröße ist, erhielt er den wissenschaftlichen Namen homo florensis (nach der Insel Flores, dem Fundort), wird aber zunehmend 'hobbit' genannt, auch in populärwissenschaftlichen Quellen.

Was aber hat das mit Zwergen zu tun? Nun, alle diese Namen – Zwerg, Gnom, Liliputaner oder Hobbit - bezeichnen Verwandte des Menschen, die uns fern sind, aber nicht völlig fremd, sonst hätte man keine Namen für sie erfinden müssen.

*Hier gehe ich nicht mit dem Duden konform, der "verschroben, mürrisch" und "übermütig" angibt. Richtiger scheint mir etwa." überquer, über Kreuz" und "unangenehm, nicht passend", etwa bei http://universal_lexikon.deacademic.com/129893/überzwerch


Exkrement nochmal!

Scheiße geht zurück auf ein indogermanisches /*skei/ mit der Bedeutung "trennen, scheiden." Es ist das gängigste Wort für "Ausscheidung, Exkrement" – eine Sache, mit der man sich buchstäblich "auseinander-setzt.°^°" Abgesehen von dieser Bedeutung ist das Wort eine sehr häufig gebrauchte Interjektion, ein Ausruf des äußersten Ärgers, ein Fluch, z.B. wenn etwas nicht gelingt, oder wenn man sich besonders heftig auf den Daumen gehaut hat. Wir gebrauchen das Wort so oft, dass es geradezu als Charakteristikum der Deutschen und ihrer Sprache gilt. Mögen andere Völker religiös schimpfen und fluchen – "porco dio!" "madonna!" "Jesus Christ!", wieder andere sexuell – "¡hijo de puta!" "f***ing hell" und dergleichen, greifen wir zur Fäkalsprache. Das ist natürlich etwas platt, aber es ist nicht völlig von der Hand zu weisen.

Übrigens: haben Sie's bemerkt? Bei dem eben zitierten f-word wurde die prüdere Schreibung mit Sternchen benutzt, die wiederum oft verkürzt und verschleiert als "effing" gebraucht wird, und doch weiß jedes Kind, was gemeint ist: sexual intercourse: Geschlechtsverkehr. Eigentlich völlig unsinnig! Das geht natürlich auch mit dem Wort, um das es uns geht: Sch***! Aber was soll's.

Ein zum Nachttopf umgenutzter Stahlhelm
Quelle: http://www.museumderdinge.de - überhaupt eine sehr empfehlenswerte Website!


DEGUSSA war (und ist, unter leicht verändertem Namen) die Deutsche Gold- Und Silber-Scheide-Anstalt: ein Unternehmen, das sich auf die Gewinnung (Scheidung) von reinen Edelmetallen aus vermischten Metallen spezialisiert hatte. An diesem extrem, sagen wir einmal: saubereren Beispiel erkennt man dieselbe Wortwurzel, aber wir wollen doch einmal genauer hinsehen. Der Zusammenhang zwischen faeces (das ist nun wirklich ganz vornehm für Scheiße) und Gold ist übrigens tiefenpsychologisch höchst interessant, soll aber an dieser Stelle nicht weiter verfolgt werden.i

Zum einen: Es ist offensichtlich, dass das englische "shit" auf dieselbe indogermanische Wurzel zurückgeht – das (englische) Wort wird in jüngster Zeit auch im Deutschen gern verwendet, meist mit derselben Bedeutung wie sein deutsches Äquivalent. Daneben haben beide Wörter einige unterschiedliche Bedeutungen. Das deutsche Wort wird dabei gern leicht modifiziert, also etwa "Scheiß" (=Unsinn), oder zusammengesetzt - "Scheißkerl" (=üble Type)"; das englische Wort bezeichnet dagegen auch Haschisch, doch in "no shit" heißt es "echt, kein Witz!"

In romanischen Sprachen ist von "merde", "merda" oder "mierda" die Rede, abgeleitet vom lateinischen"merda". "Merdam aedificavi!" heißt "da hab ich Scheiße gebaut", oder "Mist!"
Klar ist auch, dass es in fast allen Sprachen auch Synonyme gibt, gehobene wie vulgärere. Wenn der Arzt von "Stuhl" spricht, meint er oft nicht das Möbel, und der Jäger sagt "Losung", auch wenn er gerade reingetreten ist. Bei Vogelkot spricht der Jäger von "Geschmeiß" oder "Gestüber", aber auch wir kennen unterschiedliche Bezeichnungen für tierische Hinterlassenschaften, etwa "Kuhfladen", "Pferdeäpfel", "Hundehaufen", oder etwas allgemeiner "Mist" oder "Dung."° Oder, ganz allgemein und menschliche Fäkalien eingeschlossen, "Kot."°°
Im Gespräch mit kleinen Kinder ist oft von Kacka oder A'a die Rede; ersteres gibt es auch in der Erwachsenenform: "Kacke." Im Englischen spricht man gelegentlich von "crap" oder "turd", aber man gewinnt tatsächlich den Eindruck, dass Deutsch in dieser Beziehung erheblich kreativer ist als viele andere Sprachen.

Mediziner sprechen von "faeces" und wir auch, wenn von "Fäkalien" die Rede ist. An sich bedeutet das Wort "Bodensatz, Abschaum" – auch im übertragenen Sinn. Manchmal wird es moralisch: «Inter faeces et urinam nascimur» – 'zwischen Fäkalien und Urin erblicken wir das Licht der Welt'. Das Zitat stammt vom Kirchenvater Augustinus – was er damit gemeint hat, soll sich jeder selbst überlegen.

κόπρος (kopros) heißt merda auf griechisch; ein Koprolith etwa ist versteinerter Kot. Von kopros und kithos (Stein) – es gibt nichts, womit sich die Wissenschaft nicht befasst! (Befasst sie sich mit Kot, nennt sie sich Skatologie oder Koprologie). Bevor mich jetzt jemand der Koprolalie beschuldigt, höre ich besser auf. Denn das ist, laut Duden, die "krankhafte Neigung zum Aussprechen unanständiger, obszöner Wörter (meist aus dem analen Bereich)."

Dennoch: Ein Literaturtip muss sein:

Werner Holzwarth (Text) und Wolf Erlbruch (Bilder),
Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat. ISBN: 3779505037

Wer es noch nicht kennt, besorge es sich morgen!

Ach ja, noch was:
Der 19. November ist seit 2013 offizieller (von der UNO anerkannter) World Toilet Day. Die Begründung: More people in the world have a mobile phone than a toilet.
Dem ist nichts hinzuzufügen!

°^° Angeblich staunt der Rest der Welt über die in Deutschland immer noch weit verbreiteten Flachspüler-Toiletten, die eine Inspektion des Endprodukts zulassen, bevor gespült wird. Sooo genau wollen es die meisten gar nicht wissen. In ihrem 1974 erschienen Roman Fear of Flying belustigt sich die amerikanische Autorin Erica Jong über die "carefully contrived facade to intimidate foreigners with Germany's agressive wholesomeness." [die sorgfältig errichtete Fassade, um Fremde mit dem aggressiven deutschen Gesundheitsfimmel einzuschüchtern]
iWeil es aber gar so interessant ist, folgt demnächst mehr!
°What comes out of a cow and sounds like a bell? - Dung. (Spike Milligan)
°° Obwohl das Wort eher "Dreck" bedeutet, siehe "Kotflügel."



Freitag, 15. Januar 2016

Äpfel, Nüss und ...?

Apple, Nüss und Mandelkern
erklär' ich meinen Lesern gern...
                      obwohl, Apple...

"Nussfrüchte sind Schließfrüchte, bei denen alle drei Schichten der Fruchtwand (d. h. des Perikarps) verholzen. Meist wird dabei nur ein einzelner Samen umschlossen." So weit Wikipedia. Streng wissenschaftlich betrachtet, ist die Kokosnuss eigentlich keine Nuss, aber die Erdbeere ist eine, nämlich eine sogenannte Sammelnuss. – hä?

Und die Kastanie – ist die eine Nuss? Bucheckern, Eicheln oder Esskastanien sind Nüsse (im biologischen Sinn), Kokosnuss, Mandel, Muskat, Pistazie, Pekannuss oder Paranuss sind keine.

Das "neue Küchenlexikon" von Erhard Gorys definiert Nüsse als "Schalenobst, wohlschmeckende, von harter Schale umgebene Frucht- oder Samenteile" und zählt dann Beispiele auf: "Walnüsse, Haselnüsse, Paranüsse, Pistazien, Mandeln, Erdnüsse, Kokosnüsse." Also doch! Oder?

Pragmatische Definition: Wenn's knackt beim Essen, ist das fast immer eine Nuss.

" Schalenobst (auch Schalenfrüchte) ist die handelsübliche Bezeichnung für Obst, dessen Fruchtkerne von einer harten, meist holzigen Schale umgeben sind. Es handelt sich um Nüsse und Kerne, die für den menschlichen Verzehr geeignet sind. Ihre Fruchtwand – die Schale bzw. das Perikarp – ist dagegen nicht zum Verzehr geeignet." Alles klar?

Wieso aber ist eine Walnuss eigentlich eine Walnuss? Eigentlich ist das eine 'Welsch'nuss, uns Germanen fremd, da sie aus Gallien (und Italien) stammt. Wie ja auch der welsche Wein. Der Name kommt also, wie auch die Nuss selbst, aus der Fremde; wohl über das Niederdeutsche walnut (vgl. Altnordisch valhnot, NL walnoot; AE walhnutu). Dieses 'walh' ("fremd", bes. italienisch oder französisch) steckt in 'Wales' (und in 'Welsh': die Waliser sind also "Fremde" im eigenen Land) genauso wie in Kauderwelsch. *

Und womit reicherte der Germane sein Müesli an, wenn ihm die Walnuss fremd war? Natürlich mit der einheimischen Haselnuss. Im Althochdeutschen hieß sie hasalnuz, die Nuss der Hasel. Hasel lässt sich nicht weiter ableiten; der Strauch ist halt eine Hasel.

Mandeln sind, wie wir oben gehört haben, keine Nüsse. (!)
Kokos und Macadamia

Der Name der in küstennahen tropischen und subtropischen Gebieten weltweit vorkommenden Kokosnuss ist vermutlich vom Plural der coco abgeleitet, wie die Nuss bei seefahrenden Völkern wie den Spaniern oder den Portugiesen hieß (wiederum abgeleitet von "Grinsgesicht" oder "Schreckgespenst"). Das "etymologische Wörterbuch" von Kluge vermutet einen letztlich griechischen Ursprung des Wortes: κóκκος hieß "Kern (von Früchten)", verwandt mit altfranzösisch coque, altprovenzalisch coca, "Nussschale"; im Provenzalischen auch coco, die Mandel.

Also gut: Mandel. Die Griechen nannten die Pflanze und deren Frucht ἀμυγδάλη (Amygdala), warum, weiß man nicht. Es hat jedenfalls nichts mit Natalie Portman (Padmé Amidala aus Star Wars) zu tun. Wie auch Bezeichnungen in anderen europäischen Sprachen – (engl.) almond, (frz.) amande (katalanisch) ametlla oder (esperanto) migdala leitet sich auch Mandel letztlich von dieser Wurzel her – in unserem Falle über das italienische mandorla.

Manchmal steckt in einem Wort eineVielfalt an kolonialer Geschichte: Der Cashewbaum ist in Brasilien beheimatet, und von den dort lebenden Tupi wurde er acajuba genannt. Das wiederum übernahmen die Portugiesen als acajú, was die Franzosen acajou schrieben und die Engländer zu cashew verkürzten. Oder anders gesagt: Die Portugiesen, Kolonialherren in Brasilien, führten den Baum ab dem 16. Jahrhundert auch in ihren Kolonien in Afrika (Moçambique) und Indien ein, von wo aus sich der Anbau der Pflanze verbreitete. Bei uns ist der Cashew'kern' (angeblich auch "Elefantenlaus" genannt), inzwischen recht beliebt als Knabberei; wir schreiben allerdings trotz Rechtschreibreform nicht Käschjuh, sondern benutzen, international geschult wie wir halt nun mal sind, den englischen Namen. Die Pistazie ist eine Verwandte der Cashew-Nuss, aber schon seit Jahrtausenden in der Alten Welt bekannt. Ob nun griech. πιστάκι (pistáki), lat.pistacium oder persisch پست (pista) – die Bezeichnungen sind verwandt, aber nicht weiter herleitbar.

Die Erdnuss heißt Erdnuss, weil – ja, warum eigentlich? Wächst die in der Erde, wie die Kartoffel, oder auf
der Erde, wie die Erdbeere (eine Nuss!), oder was? Die Erdnuss ist eigentlich eine Hülsenfrucht, also verwandt mit Erbsen, Bohnen und Co. und wächst in der Erde, weshalb sie eine Nuss ist. (?? - !) Sie ähnelt ihrer Kusine, der Erbse (engl. pea, daher peanut) und hat ausgesprochen possierliche Namen in anderen Sprachen. Ein paar Beispiele mögen genügen: kikirik (alban.), cneuen fwnci (walisisch), amendoim (port.), intongomana (isiZulu) oder jordnöt (schwed.). Gut, das letztere heißt auch nur Erd-Nuss. Aber cacahuate (span.; ähnlich frz. cacahuète)? Nun: Die Pflanze ist ursprünglich in den Anden beheimatet; Europäer lernten sie in Mexiko kennen und übernahmen (halbwegs getreu) den Namen aus der Nahuatl-Sprache: tlālcacahuatl. Das heißt übrigens "Kakaobohne der Erde".

Die Paranuss, auch Brasilnuss genannt, kommt aus – Brasilien. Aber warum dann Paranuss? Weil sie in Brasilien castanha-do-pará genannt wird, nach dem nördlichen Bundesstaat Pará.
Ein Newcomer auf dem Speiseplan der Deutschen ist die Macadamia-Nuss. Sie stammt aus Australien, wo sie Mitte des 19. Jahrhunderts von Walter Hill und dem deutschstämmigen Ferdinand von Müller entdeckt und erstmals wissenschaftlich beschrieben wurde. Macadamia heißt sie aber nach keinem der beiden, sondern nach einem befreundeten Wissenschaftler, John MacAdam.
"Die edelsten aller Nüsse haben einen unvergleichlichen Geschmack; sie enthalten kein Cholesterin, dafür aber wertvolle Mineralien und Vitamine," schreibt das oben genannte "neue Küchenlexikon" und vergisst zu erwähnen, dass Macadamianüsse auch so richtig teuer sind.

Tipp: Einmal eine Dose Macadamianüsse kaufen, auf der das auch draufsteht. Wenn die dann leer ist, kann man mit geschälten Haselnüssen auffüllen. In der kultivierten Wohnung rumstehen lassen, aber 'vergessen', sie anzubieten...

*Die Pekannuss, eine amerikanische Walnuss mit dem wissenschaftlichen Namen carya illinoinensis, ist der Staatsbaum von – nein, nicht Illinois: von Texas. Und hat natürlich einen eigenen National Pecan Day: 14. April. Der Name pecan ist im Übrigen indianisch.


Schönheit durch Möbel

In vielen Kulturen gilt es als das Normalste von der Welt, auf dem Boden zu hocken. Höchstens hat man noch ein Kissen, wenn man es extra bequem haben will, sonst nichtsi.

Dalí, Mae West: schöner wohnen?
In unseren Breiten ist das normale Sitzmöbel der Stuhl. Hat er keine Lehne, ist es ein Hocker; als einfacher Stuhl hat er eine Rückenlehne, gelegentlich ein Paar Armlehnen, und das genügt. Wenn der Hocker sehr niedrig istii, nennt man ihn Schemel. Das englische Wort für Schemel ist übrigens stool; den Stuhl nennt man chair – vom frz. chaise. (der Hocker heißt dann bei den Franzosen tabouret, aber das führt jetzt zu weit). Sowohl "Schemel" als auch "Stuhl" sind alte germanische Wörter.

Man kann alles polstern: den Hocker, den Stuhl; mit Armlehnen und Polstern ist das eín fauteuil. Im Englischen heißt er logischerweise armchair, der Sessel. Die Schweden schreiben übrigens fotölj, weil man es so spricht. Siehe Ikea.

Man kann den Sitz eines Stuhls verbreitern. Wenn dies hauptsächlich dem bequemeren Sitzen einer einzelnen Person dient, ist das normalerweise gepolstert und heißt dann Récamière oder chaise longue (oder schäslong auf Schwedisch). Chaiselongue, also "langer Stuhl", mit einer Armlehne und einem gestreckten Sitz. Soll das Möbel Platz für zwei bieten, ist das entweder eine Bank (zum Sitzen) oder ein Sofa (zum Sitzen oder/und Liegen). Eine kuriose Variante eines zweisitzigen Sofas ist die confidante (aus offensichtlichen Gründen auch tête-á-tête oder love seat geheißen); leider etwas aus der Mode!


Ist der Aspekt der Polsterung zwecks bequemem Sitzen das Wichtigste, ist es ein Kanapéeiii; will man die Füße dabei hochlegen, nennt man es eine Ottomane. Das wäre, wörtlich genommen, eine osmanische (will sagen: orientalische) Liege: man weiß ja, dass sich der Orientale beim Fernsehen gerne hinfläzt.

Da wir es in unseren Wohnzimmern heute gern voll bequem haben, steht da meist eine wahre Polstermöbelliegelandschaft herum, mit dem einen Ende ohne Rücken- oder Seitenpolster: zum Hochlegen der Füße. Da wir uns beim Fernsehen so richtig paschahaft vorkommen, nennen wir dieses Teil Ottomane. Die Leute bei Ikea nennen das schäslong, wenigstens in ihrem schwedischen Katalog.
dies ist ein Sofa!


Die Couch wiederum, mit zwei gepolsterten Arm- und einer ebenso gepolsterten Rückenlehne, dient vor allem dem Liegen. Schon der Name verrät es: couch – von frz. coucher "legen, liegen, schlafen". Allerdings dient sie, anders als das Bett, außerdem auch zum bequem Sitzen. Das kann man auf dem Bett schon auch, aber das steht im Schlafzimmer, und man kann es Besuchern nur anbieten, wenn die Bekanntschaft tiefer geht.

Wenn das Bett eine box-spring-Matratze hat und im Vereinigten Königreich steht, nennt man es gern divan; bei uns ist der Diwan zum einen längst aus der Mode, zum anderen bezeichnete das Wort – übrigens im Ursprung persisch – eine Art Sofa.

Fußnoten
iIn Akira Kurosawas Film Kagemusha von 1980 sieht man mehrfach eine Art Schemel, der offensichtlich nur dazu da ist, dem Samurai zu erlauben, den Ellbogen abzustützen, während er sich sinnierend den Schnurrbart streicht.


iiWenn der Hocker hochbeinig ist, handelt es sich um einen Barhocker. Interessanterweise bezeichnet dieses Wort das Möbel und nicht den Menschen, der an der Bar rumhockt. (Den könnte man ja Barrumhocker nennen).

iiiDas Interessanteste am Kanapee ist seine Etymologie. Am Anfang war die Stechmücke, griech. κωνωπσ (konops), das führte zu κωνωπεῖον (konopeion), "Mückennetz", und das wiederum, nun übertragen auf das Schlafmöbel, an dem es angebracht war, über Latein (conopium) und Französisch (canapé) zum Kanapee.

Sonntag, 13. Dezember 2015

Comic-Professur

newsflash

Die britischen Universität hat Benoit Peeters (vgl. die Wundertüten-Rubrik zum Thema Comics) zum Professor für graphische Fiktion und Comic-Kunst berufen. Wir gratulieren herzlich! (der Uni und Herrn Peeters).
Näheres: von der University of Lancaster. Meldung im  Guardian und in der Süddeutschen Zeitung

Namen Gottes ("Ich bin der ich bin" Exodus 3, 14)

Die Namen Gottes ("Ich bin der ich bin" Exodus 3, 14)

It was very big to think about everything and everywhere. Only God could do that. He tried to think what a big thought that must be; but he could only think of God. God was God's name just as his name was Stephen. DIEU was the French for God and that was God's name too; and when anyone prayed to God and said DIEU then God knew at once that it was a French person that was praying. But, though there were different names for God in all the different languages in the world and God understood what all the people who prayed said in their different languages, still God remained always the same God and God's real name was God.
James Joyce, Portrait of the Artist as a Young Man (1917)



Auch die, die von ihrem Gott alles glauben zu wissen, wissen eines nicht: seinen Namen. Doch das ist, wenn man genau hinschaut, eine ursprünglich jüdisch-christliche Tradition. Andere Religionen nennen ihre Götter beim Namen: Vishnu oder Brahma, Baal oder Osiris, Quetzalcoatl oder Manitou. Man muß schließlich wissen, wem man opfert.

Im Islam hat Gott 99 Namen, nicht nur "Allah". Man betet "bismi 'llahi r-rahmāni r-rahim", zum Namen Gottes, des Barmherzigen, des Gnädigen. Das sind zwei seiner Namen, und nur den hundertsten, den kennt der Gläubige nicht, den kennt nur Gott selber.

Im Angesicht Gottes: Gustave Dorés Illustration zu Dantes Göttlicher Komödie
 Warum macht die jüdische Tradition, und ihr folgend das Alte Testament so ein Geheimnis daraus? Warum verschweigt der Koran den hundertsten Namen Gottes? Weil es das letzte, höchste Geheimnis ist, das zu wissen dem Menschen nicht zusteht. - ??: Warum denn nicht?
Weil Namen Macht bedeuten. Wer den Namen eines anderen kennt, hat ein Stück weit Macht über ihn. Das ist nicht nur in der Religion so, das gilt auch im Mythos, im Märchen: Man denke an Rumpelstilzchen!i

Natürlich hat Gott einen Namen im Judentum, das ist das Paradoxe: Man darf ihn nur nicht nennen. Er lautet - ich wage das jetzt mal, ihn zu nennen - er lautet JHWH, auf Hebräisch יהוה , und da man im Hebräischen nur Konsonanten schreibt, kann man ihn indirekt umschreiben, indem man die "falschen" Vokale einsetzt. So wird aus Jahweh dann Jehovah. Das ist für fromme Juden immer noch viel zu direkt, und so spricht man von "ha schem" - das heißt einfach "der Name" (!) - oder man greift zu Formen wie "Adonai", "Herr"- Daraus wird in der englischsprachigen Tradition nicht nur "the Lord", sondern oft " the LOrd", und alle Personalpronomina, die sich auf ihn (sorry: Ihn) beziehen, schreibt man groß: "And He gave us His word, so that we may know Him," usw. usf.

Gott hat natürlich noch viele andere Namen im Judentum und im Alten Testament: Zebaoth zum Beispiel, Elohim oder El Schaddai. Dazu gleich mehr. Das eben erwähnte "Adonai" ist interessant, denn es ist eine Pluralform: eigentlich also nicht "der Herr", sondern "die Herren". Das hat mit der komplexen Entstehungsgeschichte des Pentateuch (das sind die im Christentum so genannten "Fünf Bücher Moses") zu tun und läßt wohl darauf schließen, dass der eine Gott ("the one, one, one", wie Salman Rushdie ihn nennt) des Judentums zahllose vorderasiatische Stammesgottheiten ersetzt.

Plural ist übrigens auch "Elohim"; "El" heißen Götter im vorderasiatischen Raum gerne, denn das heißt "Herr". "Elohim" heißt also auch "Herren". Gleichbedeutend mit "El" ist "Baal", den wir auch in dämonischer Gestalt als "Beelzebub" kennen, als "Herr der Fliegen". "Zebaoth" heißt wohl ["Herr der] Heerscharen". Die hellenistischen Übersetzer der Septuaginta konnten damit offenbar nicht so viel anfangen und übersetzen es mit "Pantokrator", also "Schöpfer [des Universums]". Eine doch eher freie Übersetzung! Wie ich der Wikipedia entnehme, verwendet die katholische Liturgie stattdessen "Herr aller Mächte und Gewalten". Hier muß ich doch mal der katholischen Kirche beipflichten.

Ausserhalb der kirchlichen Liturgie nennt man Gott umgangssprachlich gern "den lieben Gott". Das englisch "good God" entspricht dem nur bedingt, das französische "le bon Dieu" schon eher. Und wenn die Italiener "Sant'Iddio" sagen, klimgt das auch eher nach "mon Dieu"/"good God" als nach dem Vater im Himmel (oder "Himmipapa", wie meine donauschwäbische Schwiegergroßmutter zu sagen pflegte, wenn sie ihren Enkeln theologisch Grundlegendes erklärte).



Und zum Schluss noch etwas, das weder mit le bon Dieu zu tun hat noch und schon gar nicht mit meiner Schwiegergroßmutter, sondern einfach, weil es höchst interessant ist und weil es schön zeigt, wie nah beieinander das Teuflische und das Göttliche liegen. Ich zitiere aus Meyers Großem Konversations-Lexikon von 1905:

Teufels Großmutter, die weibliche Begleiterin des Teufels (die in christlicher Zeit wegen des sakramentalen Charakters der Ehe nicht seine Frau sein durfte), entsprechend der Gattin des Gottes Loki. Ihr wird in der Literatur Konkurrenz gemacht durch des Teufels Mutter, die zuerst im 13. Jahrh. in Herborts von Fritzlar »Trojanischem Krieg« erscheint und bis Ende des 15. Jahrh. ausschließlich das Feld behauptet. Von kabbalistischer Seite erhielt dann die Großmutter eine neue Stütze durch die Teufelin Lilith, Adams erster Frau, von welcher der Teufel abstammt. Sie erscheint in mehreren Fastnachtsspielen, scherzhaft auch bei Luther und mit geradezu dogmatischem Ernst in einer Schrift des Abtes von Pegau (1524). Seit dem 17. Jahrh. wurde sie durch des T. G. mehr und mehr verdrängt


i Interessanterweise ist es offenbar auch ratsam, den Teufel nicht beim Namen zu nennen (wohl deshalb, weil man ihn damit herbeiruft). Daher gibt es so schöne Umschreibungen wie "der Gottseibeiuns". Und "Voldemort" darf man ja auch nicht sagen.

Wege

A83, Glen Croe, Rest & Be Thankful RLH" by Richard Harvey (Wikipedia)



Via Appia
Römerstraßen
"Alle Wege führen nach Rom" – das war fast wörtlich wahr; denn das römische Imperium konnte nur mit einer aufwendigen Infrastruktur funktionieren. Die Straßen der Römer waren Meisterleistungen der Ingenieurskunst: befahrbar, wenn ältere und primitivere Straßen im Sumpf versanken, und so gerade, dass sie oft jahrhundertelang in Gebrauch blieben.
Via Aurelia, Via Claudia Augusta, Watling St
Autoput
Transitstrecken
Als Jugoslawien noch existierte, gab es eine offizielle Strecke für den Transitverkehr, den sogenannten Autoput (serb. für Autobahn), der von Österreich über das heutige Slowenien, Kroatien, Serbien und Mazedonien nach Griechenland (und weiter in die Türkei) führte. Die Verbindung – damals noch nicht durchgängig als Autobahn ausgebaut – wurde vor allem von Griechenland-Urlaubern und Gastarbeitern aus Griechenland und der Türkei genutzt.
Viel stärker politisch reglementiert war der Transitverkehr durch die DDR*: Von wenigen deutsch-deutschen Einreisepunkten führten Autobahnen nach Westberlin, die unter keinen Umständen verlassen werden durften. V.a. Hof (Bay.), Helmstedt (Niedersachsen), Herleshausen (Hessen) waren die Grenzübergänge für den Straßenverkehr.
Route 66
Tourismusrouten
Zwischen Nostalgie und reizvollen Strecken lässt sich auch kommerziell einiges herausholen; die legendäre Route 66 war 4000 km lang und führte von Chicago nach Kalifornien. Sie existiert nicht mehr als zusammenhängende Fahrstrecke, ist aber umso beliebter bei Touristen und Geschäftsleuten. Voller roadside attractions.
Romantische Straße, Burgenstraße, Deutsche Märchenstraße, Straße der Industriekultur, Deutsche Alpenstraße, Hessische Apfelwein- und Obstwiesenroute (schöner Name!) - über 100 allein in Deutschland.
Orient Express
Bahnstrecken
Sentimentale Gefühle bleiben nicht aus, wenn man von der guten alten Zeit der Bahnreisen spricht (gerade auch im Kontrast zur gegenwärtigen wenig kundenfreundlichen Praxis der Bahn). Der bekannteste der früheren Luxuszüge, der Orient Express, beförderte die Reisenden von Paris nach Konstantinopel – im Pullman-Liegewagen, Salonwagen und mit Service erster Klasse.
Transsibirische Eisenbahn, Venice-Simplon Express, Rheingold, Oostende-Wien Express, Royal Scotsman,
Camino de Santiago
Pilgerwege
Wallfahrten sind definiert durch das Ziel, und vielfach führen sie entlang alter Routen, die, zahllos und verästelt in ihrem Verlauf, immer mehr zusammenfließen, je näher sie dem Zielort sind. Der Pilgerweg nach Santiago hat viele Anfänge in z.T. fernen Teilen Europas, aber nur ein Ziel: Santiago de Compostela in Nordwest-Spanien (Galicien). Landschaftlich reizvoll und heute noch beliebt.
lokale Pilgerfahrten gibt es viele; Zielorte wie Lourdes, Rom oder Częstochowa werden noch viel besucht, andere, wie z.B. Jerusalem, seltener als früher. Pilgerreisen gibt es jedoch nicht nur im Christentum; der muslimische Hadsch führt jährlich Millionen nach Mekka.
Seidenstraße
Handelswege
Die Seidenstraße gibt es nicht – es gibt viele Routen; es gibt auch keinen klaren Ausgangspunkt, und auch das Ziel ist diffus. Und doch: Diese Handelsverbindung zwischen Orient und Okzident übt heute noch einen magischen Reiz aus, und Namen wie Buchara, Taschkent oder Samarkand klingen wie Poesie. Und auch wenn ein Großteil der weltweiten Handelsrouten über das Wasser führten – sie waren sämtlich Motoren der Weltgeschichte.
Salzstraßen (etwa der Hellweg). die Bernsteinstraße, der Goldene Steig oder die Gewürzrout über den Indischen Ozean. Auch über die Seidenstraße wurden mannigfaltige Waren transportirt, nicht nur Seide.
Nürburgring
Rennstrecken
Rennstrecken führen letztlich alle nirgendwohin, und auch wenn nicht bei allen Start und Ziel beisammen liegen, bewegen sie sich im Kreis: sinnlos, ökologisch nicht vertretbar und teuer.
Monza, Le Mans, Indianapolis, Brands Hatch, Monaco & the rest
"Rest and be thankful"
Eile mit Weile
So heißt ein Teil der A 83 in Schottland (56°13′36″N 4°51′25″W); der Pamoramablick zwischen zwei beschwerlicheren Streckenabschnitten lud zum Verweilen ein und ist noch heute reizvoll.
vernünftig reisen können wir alle; wenn der Weg das Ziel ist, ist viel gewonnen.
*DDR, die ursprüngliche SBZ (sowjetisch besetzte Zone) oder (Ost)Zone, später gern auch "DDR" (mit Anführungszeichen, besonders in der "Bild"); wir im kapitalistischen Westen waren dagegen Westdeutschland, oder lieber BRD. Ostdeutscher Sprachgebrauch bezüglich Berlin war zum einen Westberlin – nie ohne West-! - und zum anderen BerlinHauptstadtderDDR.