Mal was über Orange.

Orange?

Donnerstag, 23. Juni 2016

Ist das noch Deutsch, oder soll das schon Englisch sein?

Man hört es in letzter Zeit überall, sogar in seriösen Nachrichtensendungen: So etwas wie 'Dschurnalist', wenn 'Journalist' gemeint ist. Nun, Journalist ist entweder französisch /ʒʊʁnaˈlɪst/ oder englisch /ˈɜːnəlɪst/; das deutsche Wort aber /dʒʊʁnaˈlɪst/ auszusprechen, also mit dem englischen Anlaut ( /dʒ/-) und gleichzeitig dem französischen Vokal (-/ʊ/-) in der ersten Silbe, ist Banausentum. Vielleicht sollte man es konsequenter deutsch aussprechen: /jurnalist/, mit /j/- [wie Johann] am Anfang.

Ähnlich bei Aubergine: /obɐˈʒiːnə/ oder /egplant/, aber eben auch nix -/dʒ/- ! Faustregel ist: Isses französisch, spricht man -/ʒ/-, wenn englisch, dann -/dʒ/-.

Bei London ist es ähnlich: London / london/ (bzw. /ˈlɔndɔn/, wie der Aussprache-Duden schreibt) ist völlig korrektes Deutsch; /ˈlʌndən/ ist die übliche Aussprache in England. Please note: two syllables in either case! /londn/ oder /landn/ ist verkorkstes Englisch (z.B. Edgar-Wallace-Verfilmungen der 60er Jahre).


Ach ja, und nochwas: Greenwich, der Londoner Stadtteil mit dem Royal Observatory und dem Nullmeridian, spricht sich /ɡrɪinɪdʒ/; eigentlich ja /ɡrenɪdʒ/- so spricht man es vor Ort – aber nicht /ɡrɪnwɪdʒ/ (keine grüne Hexe!), und Islington heißt /ˈɪzlɪŋtən/ und nicht etwa /'ailɪŋtən/. Die meisten anderen Stadtteile von London sprechen sich meist schon so, wie man meint.

Von den zahllosen (und nicht immer besonders tiefgründigen) You-tube-Videos, auf denen irgendwelche Leute ihre Sprachgewandtheit vorführen wollen – wozu auch immer – auf sei eines verwiesen, das wirklich ganz goldig gemacht ist: https://www.youtube.com/watch?v=9q7VjLVU8Ec. London kommt zwar nicht vor – das Video wendet sich vor allem an Amerikaner, und die kriegen 'London' meist hin.

Soße für die Gans

What's sauce for the goose
is sauce for the gander*
(Englische Redewendung)

Alles eine Soße?

Sauce ist französisch für Soße, von lat. salsus, "gesalzen"; daher auch spanisch salsa. Salsicus ist lat. für "mit Salz gewürzt", daher französisch saucisse, die Wurst. Aber um die geht es hier gar nicht. Gibt es Sauce auch auf Deutsch?

Ein schönes, heute kaum gebräuchliches Wort ist 'Tunke'; das engl. dip heißt dasselbe: was zum Reinstippen. Saucen/Soßen gibt es kalt und warm; die raffinierteren sind aufgeschlagen; beherrscht man ein paar Grundformen, lassen sich diese i.d.R. erweitern und variieren. Faustregel: Kalte Soßen sind (meist) für Salate, warme für Nudeln, und aufgeschlagene für die gehobenere Speisekarte.

Salatsoßen: die einfachste ist die mit Essig (frz. vinaigre) und Öl, Salz und Pfeffer nach Gusto. Vinaigrette nennt sie der Feinschmecker. Alle anderen Salatsoßen heißen heutzutage Dressing. Eine (mit einem Hauch von Knoblauch und etwas Senf) subtil verfeinerte Vinaigrette nennt man Italian Dressing. Am anderen Ende des Spektrums steht die amerikanische Thousand-Island-Dressing, die fast immer als Fertigprodukt aus dem Supermarkt kommt (etwas verfeinert ergibt sich die Russian Dressing).

Viele Soßen sind rot; in Italien heißen sie Sugo und sind meist auf Tomatenbasis (salsa (!) di pomodoro), von napoletana und amatriciana (nach ihren Herkunftsorten benannt) bis zur arrabiata – letztere ist ein wenig scharf, hat aber dennoch nichts mit 'arabisch' zu tun, sondern eher mit 'rabiat', "mit leidenschaftlichen Gefühlen".

Grüne Soßen, ob sauce verte oder salsa verde: es gibt viele Varianten der Gewürz- und Kräutersoßen, aber nur eine Grie Soß. Diese kommt im Original aus Frankfurt und besteht aus nicht weniger (aber auch nicht mehr!) als sieben Kräutern: Borretsch, Kerbel, Kresse, Petersilie, Pimpinelle, Sauerampfer und Schnittlauch. Wer nun zu faul ist zum Suchen, und wer weder Pimpinelle noch Kerbel erkennt, kauft die Kräuter auf dem Wochenmarkt. Denn merke: Nur mit Petersilie und Schnittlauch geht’s nicht!

"Fertige" kalte Soßen sind Ketchup, Mayonnaise (auch liebevoll "Mayo" genannt) und Remouladensoße. Ketchup (und seine Varianten) scheint zum Grillen dazuzugehören wie Steak und Bier; er ist eigentlich eine amerikanische Unsitte – trotz des seltsamen Namens (der wiederum aus Südostasien stammt); er enthält neben Tomaten erstaunliche Mengen Zucker. Mayonnaise soll – so die Theorie – nach der balearischen Hafenstadt Mahón benannt sein, stammt aber aus der französischen Küche und besteht im Wesentlichen aus Eigelb und Öl. Mit Knoblauch zusammen ergibt das die sauce aioli, die der Frankreichfreund aus der Provence kennt. Wird die Mayonnaise mit Essig, Senf und Kräutern (und kleinen Essiggürkchenstücken) verrührt, nennt man das ganze sauce remoulade, oder halt Remouladensoße.

Die oben erwähnten aufgeschlagenen Soßen sind für den Laien etwas heikel in der Zubereitung, da warme Bestandteile mit Eigelb und diversen anderen Zutaten vorsichtig mit dem Schneebesen schaumig geschlagen und verrührt werden; am bekanntesten ist wohl die s. hollandaise (zum Spargel) und die s. bearnaise (die nicht aus der Region Bearn in Frankreich stammt, aber von einem bearnaisischen Koch erfunden wurde). Quasi als Vorübung für diese Soßen kann man sich an der sauce béchamel versuchen, bei der Ei nicht zwingend vorgeschrieben ist.
nach einem Bild von Jan Davidszoon de Heem (1648)


Würzsoßen dienen dem Würzen diversester Küchenprodukte, viele von ihnen sind Geschmackssache (oder, wie man auf Englisch sagt. an acquired taste: gewöhnungsbedürftig). Die Worcester[shire]sauce (sprich: wuster- !), die Austernsoße, Teriyaki, Senf, Sambal und Tabasco, Sojasoße, Chutney und HP Sauce und, vor allem und überhaupt: Maggi!

Eine gute Soße (hier sollte man vielleicht dann doch 'Sauce' schreiben, denn die gehobene Küche spricht immer noch Französisch) ist das A und das O der guten Küche. Und ganze Welten der (Saucen-)Kochkunst wurden hier noch gar nicht erwähnt, von Veloutés und Jus bis hin zu den zusammengesetzten Saucen , ob braun oder weiß. Ganz zu schweigen vom kunstvollen Saucenspiegel...

All das ist verlorene Liebesmüh' bei der nächsten Generation: Kinder wollen keine kompliziert angerührten oder befremdlich riechenden Soßen; sie wollen nur zweierlei, und das in rauen Mengen: Ketchup (das kennen sie von McDonald's) und – Schokoladensoße.
*etwa: "Gleiches Recht für alle". Wörtl.: "Die Soße für die Gans ist auch die für den Gänserich".

Sonntag, 29. Mai 2016

Deutschland ...nicht nur Dichter und Denker

Frank, Leonard (1882-1961) dt. Schriftsteller
Baier, Frank (1943- ) dt. Sänger und Liedermacher
Schwab, Gustav (1792-1850) dt. Schriftsteller
Bader, Anna (1983- ) dt. Klippenspringerin
Hesse, Hermann (1877-1962) dt. Schriftsteller
Sachs, Hans (1494-1576)d t. Schriftsteller
Anhalt, Heinrich Wilhelm von (1734-1801) königl. preuß. Genralleutnant; Erbe einer goldenen Tabaksdose von Friedrich II, galt als intrigant u. war deshalb viel gehaßt.
Berlin, Irving (1888-1989) russischstämmiger amerikanischer Komponist
Düringer, Wolfgang (1961- ) unterfr. Büttenredner aus Gochsheim
Westphalen, Joseph von (1945- ) dt. Schriftsteller und Satiriker
Bremer, Uwe (1940- ) Grafiker und Illustrator (v.a. für H.C. Artmann)
Hamburger, Käte (1896-1992) Philologin und -sophin
Holstein, Fritz von (1837–1909) Geheimrat und nicht der Erfinder des Schnitzel Holstein
Friese, Friedemann (1970- ) dt. Spieleautor ("Fische Fluppen Frikadellen", "Friesematenten")
Mecklenburg1, Karl (1960- ) Ami und Linebacker bei den Denver Broncos
Pommer, Emil (1856–1933) Ökonomierat und Zuckerrübernexperte

umzingelt von Freunden
Pohl, Dieter (1934- ) Heimatforscher (über die schlesische Grafschaft Glatz2)
Böhm, Karlheinz (1928- ) Sissis Gemahl und ein guter Mensch
Österreicher, Helmut (1956- ) Spitzenkoch aus Austria (in Wien eine Institution!)
Schweitzer, Albert (1875-1965) mit Bach nach Afrika
Franzos, Karl-Emil (1848-1904) K.-u-.K-Autor aus Galizien
Luxemburg, Rosa (1871-1919) dt Frauenrechtlerin, Kommunistin und Pazifistin
Belge, Murat (1943- ) linksliberaler türk. Publizist
Hollaender, Friedrich (1896-1976) Kabarettist der Weimarer Republik
Dehne, August (1796–1875), Sohn des deutschen Zuckerbäckergesellen Ludwig Dehne
1Mecklenburg kommt vor Pommer!
2heute pohlnisch

neuere Rechtschreibung

Wir sind sprachlich längst eine Multikulti-Gesellschaft und holen uns unsere Wörter von überall her, von Polen ("Gurke") bis Polynesien ("tabu").

Nur - wie das oft so ist: ganz klappt es noch nicht mit der Integration. Rein orthographisch liegt einiges im Argen.

Dabei geht es auch anders; im penetrant fortschrittlichen Schweden wird aus dem behäbigen Fremdkörper "Fauteuil" ein geradezu ikea-fähiges "fotölj"... aber auch die Ungarn schreiben "szendvics" in korrekt ungarischer Rechtschreibung.

Wir dagegen erfinden sogar neue Wörter und schreiben sie englisch, wenn uns das englischsprachige Original zu wenig exotisch vorkommt: was die Amerikaner "cell phone" nennen und die Briten "mobile" nennen wir "Handy", aber schreiben es nicht so: "Hendi".

Wiederum die Schweizer nennen das Ding "Natel", aber die sagen ja auch "Röschti" wenn sie "Bratkartoffeln" meinen.

Jedenfalls - und jetzt kommt's - soll hier eine zweite Stufe der Rechtschreibung vorgeschlagen werden. Ich möchte sie "Zurechtschreibreform" nennen: eine konsequente orthographische Deutschschreibung fremder Wörter! Sagen Sie nicht: das klappt nie und nimmer! Das hat schon einmal funktioniert, seit Bahlsen seine beliebten "cakes" nur noch "Keks" schreibt.

Hier ein paar Kandidaten, denen eine konsequente Germanisierung gut täte: nehmen Sie Recycling. Recyclen (recyceln) Sie auch? Ich habe gestern erst recyclet (recycelt? recycled??). Recyceln (...clen) sieht nicht enmal im Infinitiv vernünftig aus. Warum nicht so: "riseikeln"? Warum nicht "diseinen" statt "designen" (designt?!); "daunlouden" statt "downloaden" und "tschätten" statt "chatten". Und natürlich "Ih-Mäil".

Übrigens: die "mouse" Ihres Kompjuters schreiben Sie doch eh schon "Maus".

Statt "fashion" nun "Fäschen" - das sieht auch gleich nach "Fasching" aus. "Trendi" und "steilisch" statt "schick" (das hieß auch mal "chic". Sehen Sie: es geht doch!)

A propo Französisch: das heißt dann wohl auch "Klicke" und "Butike", "Randewuh" und "Tät a tät". Ich will auch nicht übertreiben: Italienisch zum Beispiel sieht meist ganz ordentlich aus, und "Spagetti" geht schon nach der ersten Stufe der recht Schreibung. "Pizza" ist OK, ich bestehe nicht auf "Pitza". Nur natürlich "Pasta Schuta".

Tschau!

Donnerstag, 14. April 2016

Granatapfel (punica granatum)

Granada in Andalusien, die Stadt unterhalb der Alhambra,
des einzigartigen Juwels maurischer Architektur, ist auch sonst sehr reizvoll. Was auffällt, dass ein Ornament überall auftaucht: der Granatapfel. Gut, das mag naheliegend sein, wenn die Stadt schon so heißt. Naheliegend auch, dass der Strauch überall im Stadtbild grünt und blüht, dass es eine Pracht ist. Granada lässt keine Gelegenheit aus, sich mit dem exotischen Gewächs zu schmücken.

Der Granatapfelstrauch ist im Mittelmeerraum auch gar nicht so exotisch, aber bei uns kennt man seit jeher eher den Namen als die Frucht; was ist das eigentlich, der Granatapfel? Zunächst einmal: Es ist kein richtiger Apfel. Der Apfel ist ein Rosengewächs, und der Granatapfel gehört – trotz der prachtvollen, intensiv hellroten Blüten - zu den Myrtengewächsen. Der Granatapfel ist relativ groß, schwer (wiegt oft ein ganzes Pfund!) und ist von einer ledrig-pergamentartigen Haut umgeben. Schneidet man ihn auf, zerfällt er in hunderte (bis zu 400, sagt Wikipedia; andere sagen anderes) maiskorngroße, saftige Fruchtkörper, durchscheinend, intensiv rot und arg süß. Aus ihnen wird der Grenadinesirup (den kennen Sie vom Tequila Sunrise) hergestellt, und zwar, indem man den Fruchtsaft 1:1 mit Zucker einkocht. Manchen Leuten kann es offenbar nicht süß genug sein!

Früher wurde der Granatapfel auch anderweitig verwertet: Die Blüten sind auch getrocknet noch rot; im Aufguss als Gurgelwasser und gegen Durchfall verwendbar. Wurzelrinde hilft gegen Bandwürmer. Die Schale des 'Apfels' wurde gern zum Färben von Textilien (z.B. Teppichen) verwendet: nicht rot, sondern braun bis schwarz. Darüber hinaus und vor allem war die Frucht geradezu kulturübergreifend symbolträchtig; die Bibel erwähnt sie mehrfach, ebenso der Koran. Der Granatapfel war ein Symbol des Lebens, der Lebens- und Sinneslust und der Fruchtbarkeit. Der Apfel des Paris (den er Helena zusprach) war ein Granatapfel. Andererseits stand der Granatapfel im Mittelalter auch für die Welt (den 'Erdapfel' – von wegen, die Erde sei eine Scheibe!) - der Reichsapfeli war auch ein Granatapfel.

Warum aber 'Granat-'? Hat das was mit Granate zu tun? Doch wohl eher mit dem Granatschmuck? Wer im Lateinunterricht mehr mitbekommen hat als die blutrünstigen Eroberungen Caesars mag irgendwann auf das lateinische Wort für 'Korn' gestoßen sein: granum. Das bedeutet außerdem 'Samen' und 'kleiner Kern', und da ein Körnchen sehr wenig wiegt, nennt sich auch ein Apothekergewicht gran. Ein gran sind etwa 65 mg. Das granum steckt auch in 'filigran', im englischen grain (nicht aber in Migräne!) und schon auch in der Granate. Eine Granate ist ein mit Sprengstoff gefülltes Artilleriegeschoss (die meisten werden eher die Handgranate kennen), und da der Granatapfel mit diesen kleinen Früchtchen gefüllt ist, war das ganz offensichtlich granatum, also 'gekörnt'. Zu den Namen der Frucht gleich noch mehr.

Interludium. Ein Granatsplitter ist zum einen ein Teilstück einer explodierten Granate, zum anderen ein Konditorei-Objekt. Aus den bei der Herstellung von Torten und Biskuitrollen anfallenden Resten wird durch Zugabe von Buttercreme, Kakao und Rum ein Haufen geformt und mit Kuvertüre überzogen. Nicht unbedingt ein großer Schlankmacher...Klingt nur etwas martialisch in unseren (gottseidank) eher friedlichen Zeiten. Versuche, den Namen zu ändern – etwa in 'Bärenhaufen' – sind bisher gescheitertii. Wir können jedoch beruhigt feststellen, dass der Granatsplitter nur sehr indirekt mit dem Granatapfel verwandt ist. Auch mit dem körnigen, sehr harten Schmuckstein namens Granat ( engl. garnet, frz. grénat mittelhochdeutsch grānāt , von mittellateinisch [lapis]granatus 'körniger [Stein]') ist die Verwandtschaft nur oberflächlich, obwohl die roten Fruchtkörperchen des Granatapfel schon etwas an rote Granatsteine erinnern (letzterer heißt im Deutschen auch Karfunkel).

Doch nun zu den Namen unserer Frucht:
Die Römer nannten sie malus punica, punischer Apfel. Nun waren die Punier, auch Phönizier (und später auch Karthager) genannt ja so etwas wie der Erzfeind Roms; ergo muss sich 'punisch' auf die vermeintlich exotische Herkunft bezogen haben, also den vorderen Orient, die Heimat der Punier (oder, wie manche meinen, Nordafrika – wegen Karthago). Der wissenschaftliche lateinische Name ist punica granatum: auch hier sind Phönizier versteckt. Auf französisch grenade und auf spanisch granada genannt, heißt der Granatapfel pomegranate. Das pome- entspricht natürlich dem französischen pomme, 'Apfel'. Nun hieß ja in früheren Zeiten so manches 'Apfel' iii, das wir etwas differenzierter sehen: Birnen, Quitten, ja die Apfelsine (-sine heißt hier 'aus China') oder der Pfirsich (urspr. malum persicum = persischer Apfel), und schließlich auch etwas so wenig apfeliges wie der Erdapfel (a.k.a. Grundbirne: die Kartoffel). Gut, aber warum pomme? Das ist mehr oder weniger die römische Göttin des Obst- und Gartenbaus selbst: Pomona. Wenn Sie von ihr noch nicht viel gehört haben – auch sie kommt in Caesars De Bello Gallicoiv nicht vor...
Pomona. Gemälde von Fouché

iWie die Reichskrone und das Szepter war der Reichsapfel Teil der Reichsinsignien.
ii 'Bärendreck' gibt’s aber!
iii Wortgleich in vielen Sprachen, so germ. apfel, apple, isl epli; slaw (russ.). яблоко; kelt (walisisch). afal; balt. (litauisch) obelis, aber nicht in romanischen Sprachen: lat. malus; span. manzana (indirekt auch von lat. malus) und frz. pomme => 'Apfel' einheimisch nördlich der Alpen
iv Das Buch heißt nicht: "Über den schönen Gallier" – Caesar ist im Krieg.

Samstag, 12. März 2016

Gottes Häuser

Martin(us) von Tours, ca. 316 in Pannonien (heutiges Ungarn) geboren, aufgewachsen in Pavia (Oberitalien), leistete Militärdienst in Gallien. Später Mönch, Klostergründer und Wundertäter, schließlich Bischof von Tours. Er wurde zu einem der beliebtesten Heiligen und gilt als Schutzpatron Frankreichs. Er ist jener heilige Martin, der am 11. November gefeiert wird, weil er seinen Mantel mit einem Bettler geteilt hatte; ihm gilt die Martinsgans. Er war kein Märtyrer und trotzdem beliebt. Er wird als "Schutzheiliger der Reisenden und der Armen und Bettler sowie der Reiter, im weiteren Sinne auch der Flüchtlinge, Gefangenen, Abstinenzler und der Soldaten" [Wikipedia] verehrt. Ihm verdanken wir "Kapelle" im Sinne von "kleiner Kirchenraum" (wie auch das englische chapel), aber auch als "Gruppe von Musikern", "a capella" und "Kaplan". Denn capella bedeutet im Lateinischen eigentlich "Mäntelchen" (bzw. cape), über die Reliquie Martins (seinem halben Mantel) und ihren Aufbewahrungsort schließlich auch im kirchlichen Sinne "Kapelle" und die davon abgeleiteten Begriffe. "Musikkapelle" übrigens, weil sich Musiker in der Kapelle zusammenfanden, um zu musizieren.

Die "Kirche" – sie hat zwei Bedeutungen, die Gesamtheit der (katholischen) Christen wie auch das Gebäude – stammt als Begriff aus dem Griechischen. κυριακόν (kyriakon) heißt "[Haus] des Herrn" und wurde erst in die germanischen Sprachen (eben als Kirche, church, kirk, kerk etc.) übernommen – wie, ist nicht ganz geklärt – und dann auch in andere Sprachen (russ. церковь, serbokroat. црква/crkva, finn. kirkko). Als Gebäude ist die Kirche i.d.R. größer als die Kapelle; ist ihr keine Pfarrei zugeordnet, ist sie ungeachtet ihrer Dimensionen nur eine Kapelle. So ist beispielshalber die Marienkapelle in Würzburg um einiges größer als so manches Kirchlein in derselben Stadt.

Im Lateinischen war die Kirche – wiederum in zweierlei Wortsinn – ecclesia, wovon sich die Bezeichnung in vielen nicht-germanischen Sprachen herleitet, ob nun église (frz.) iglesia (span.) igreja (port.) chiesa (ital.) eaglais (ir.), eglwys (walis.) kilise (türk.). Andere Sprachen übernehmen das Wort basilica, eine griechische Bezeichnung, die ursprünglich "Königshalle" bedeutet: baselgia (rätorom.),

Große Kirchengebäude, die einem Bistum als Hauptkirche dienen, nennen sich Dom, Münster oder Kathedrale. Dom ist entstanden aus domus domini (lat.:"Haus des Herren", entprechend dem griechischen kyriakon); Münster ist eigentlich die Stiftskirche eines Klosters (lat. monasterium), und die Kathedrale hängt wörtlich zusammen mit dem Katheder, dem Stuhl, bzw. dem Lehrstuhl: als ecclesia cathedralis die Kirche des Bischofsstuhls.

Im Ungarischen heißt Kirche templom, "Tempel". Stimmt ja auch.

Das hebräische Wort für einen Versammlungsort ist בית כנסת, beth ha knesseth ("Haus der Zusammenkunft"; daher heißt das israelische Parlament Knesset). Bei der Übersetzung der Bibel ins Griechische wurde analog dazu συναγωγή (Synagoge) gebildet: aus συν- "zusammen" und αγειν "führen, bringen". Über das (kirchen)lateinische Synagoga als sinagoge seit dem Mittelhochdeutschen bezeugt. Deutsche Juden gebrauchten häufig das jiddische Wort schul (tatsächlich abgeleitet vom deutschen "Schule")*.

Die Versammlungsorte moslemischer Mitbürger heißen auf arabisch masjid (oder masdschid) und cami auf türkisch, auf deutsch "Moschee". Masjid heißt "Ort des Sich-Niederwerfens", also "Ort des Gebets" und der Hinwendung zu Allah. Über das französische mosquée, seinerseits aus dem spanischen mezquita, dem man die arabische Herkunft noch ansieht. So wie die Mezquita-Catedral in Córdoba heute die katholische Kathedrale der Stadt ist, im Inneren aber das architektonische Juwel der maurischen Zeit ist und bleibt (neben der Alhambra in Granada) und an eine der glanzvollsten Epochen der Menscheitsgeschichte erinnert: al Andalus, das Kalifat von Córdoba, als in Andalusien Muslime, Christen und Juden friedlich zusammenlebten.



*früher hörte man gelegentlich die Redewendung "hier geht es ja zu wie in einer Judenschule". Seit der Nazizeit werden solche Formulierungen gemieden, oder, wie es bei redensarten-index.de heißt: "umgangssprachlich, veraltet; Seit dem Massenmord an Juden während der Zeit des Nationalsozialismus sind auf Juden bezogene Redewendungen nicht mehr gebräuchlich" – oder einfach: die Lebenswelt von Juden ist uns fremd geworden. Synagogen waren tatsächlich (auch) Orte der lebhaftesten intellektuellen Diskussionen, wo es oft laut zuging, und wenn das für heutige Schulen zuträfe. dass sie nämlich Orte lebendigen Gedankenaustauschs wären, wer sollte daran Anstoß nehmen?





Szendvics (?)

Als John Montagues Großvater 1729 starb, erbte er mit 10 Jahren dessen Adelstitel und wurde der 4. Earl of Sandwich. Das ist eher noch junger Adel, nicht etwa, weil er so jung an Jahren war, sondern weil er Earl of Sandwich erst in der vierten Generation war. Der Titel war im 17. Jahrhundert geschaffen worden (der jetzige Träger des Titels ist der elfte Earl). Der erste, Sir Edward, wurde gleichzeitig auch Baron Montagu und Viscount Hinchingbroke; er war ein wichtiger Politiker seiner Zeit. Weder Baron noch Viscount (/ˈvaɪkaʊnt/) sind sonderlich hohe Titel; der Earl entspricht dem Grafen (da es keine weibliche Form von Earl gibt, heißen Gräfinnen in England Countess, vom frz. comtesse). Earl of Sandwich bezieht sich nominell auf die Stadt Sandwich, das ist jedoch nur ein Titel und hat nichts mit Macht oder Besitzanspruch zu tun.
Bild: wikipedia
Aber die Rede war ja von Sir John Montagu, dem 4. Earl of Sandwich. Auch er ein wichtiger Politiker, aber auch ein leidenschaftlicher Spieler. Er habe sich, heißt es, – das war im Jahre 1762 – nicht vom Cribbage-Spiel (ˈkrɪbɪdʒ)1 losreißen können und habe einem Diener aufgetragen, etwas Bratenfleisch - es soll sich um Rindfleisch gehandelt haben (also 'rosbif', wie die Franzosen sagen) - zwischen zwei Scheiben Brot zu zwicken, so dass er beim Spielen essen konnte. Das fand Nachahmer, und der Name blieb hängen. Cribbage ist übrigens außerhalb von England kaum bekannt; es handelt sich um eine Kombination von Kartenspiel, bei dem es um das Gewinnen von Punkten geht, und einem Spielbrett, auf dem der Punktestand festgehalten wird.
Aber wir waren ja bei dem nach Sir John benannten Snack. Nun wird es kulinarisch gesehen wahrscheinlich kaum etwas Einfacheres geben als ein belegtes Brot, und auf den Gedanken sind bestimmt schon viele verfallen; Tatsache ist aber, dass es in diesem Fall mit dem Earl of Sandwich in Verbindung gebracht wurde, und dass es unter dem Namen auf der ganzen Welt bekannt ist (auch wenn z.B. die Ungarn szendvics schreiben: sie sagen Sändwitsch).
Sonst könnte man beispielshalber "Hillel" sagen. Schon Rabbi Hillel der Ältere (er lebte im ersten vorchristlichen Jahrhundert) hatte so etwas wie ein Sandwich erfunden; er belegte seine Doppeldecker mit Lammfleisch, (bitteren) Kräutern und Nüssen. Wenn Sie mich fragen, klingt das auch ganz lecker. Aber bleiben wir beim Thema.
Sandwich ist eine Hafenstadt in der südenglischen Grafschaft Kent und die Partnerstadt von Sonsbeck. Wo auch immer das liegt... Sandwich geht als Name auf die Angelsachsen zurück, genauer: auf die Jüten, die in Kent ein Königreich errichteten. Sandwicæ bedeutet "sandiger Handelsplatz" Sandwich – übrigens auch einer der sogenannten Cinque Ports, Hafenstädte, denen im Mittelalter eine besondere Bedeutung für die Verteidigung des Landes zukam - liegt heute gar nicht mehr direkt am Meer, aber das ging vielen Städten so: Ihre Häfen versandeten allmählich und mussten verlegt werden.
Am 18. Januar 1778 entdeckte der englische Entdecker James Cook – er stammte aus Whitby, wo übrigens auch Bram (von Abraham) Stoker, der irische Autor des Dracula, eine Zeit lang lebte und zu seinem Roman angeregt wurde – die Inselkette im Pazifik, die heute Hawaii heißt. Cook konnte das noch nicht wissen und nannte die Inseln Sandwich Islands zu Ehren des Earl of Sandwich. Der war nämlich zu der Zeit First Lord of the Admiralty. Aufgrund von unglücklichen Missverständnissen wurde Cook 1879 auf Hawaii erschlagen; der Earl of Sandwich überlebte ihn um 13 Jahre.
sandwich boards – bei Wikipedia nicht ganz zutreffend mit dem Kundenstopper gleichgesetzt – sind Werbetafeln, die der sandwich (board) man umhängen hat: eine vorne, eine hinten. Eingezwickt, wie der Belag eines Sandwichs zwischen den Brotscheiben. Es gibt Kochtöpfe "mit Sandwich-Boden", bei denen eine Aluminium- oder Kupferschicht zwischen zwei Edelstahlschichten gesandwiched ist, deren Wärmeleiteigenschaften auf diese Weise deutlich verbessert werden. Bei Induktionsherden jedoch ist ein Sandwichboden oft problematisch, doch das gehört nicht hierher.
Was aber nun schon ganz und gar nicht hierher gehört ist eine sandwich genannte Sexualpraktik, denn – ich zitiere den einschlägigen Wikipedia-Artikel - "solche [Praktiken] erfordern von allen Beteiligten ein hohes Maß an Körperbeherrschung und werden hauptsächlich im Bereich der professionellen Pornographie ausgeübt".
ein Hillel?


Was bleibt? Eine verworrene Geschichte von Jüten, versandeten Häfen, den Herren Montague, Cook, Stoker, Reb Hillel, anonymen Werbetafelträgern, einem Kartenspiel, Hawaii, Kochtöpfen mit doppelten Boden und seltsamen Praktiken, von Missverständnissen und zufälligen Ähnlichkeiten: Die Geschichte des beliebtesten Imbisses der Welt. Daher zum Schluss noch zwei Varianten:

Als amerikanischer Sandwich-Klassiker gilt das BLT Sandwich, bei dem BLT für bacon, lettuce and tomato steht. Was sich so bescheiden anhört, ist es gar nicht: Speck (gebraten oder nicht), Salat (für den crunch) und Tomaten sowie auf jeden Fall Mayonnaise und evtl. Vollkorn- statt Weißbrot. Auf jeden Fall üppig.
In typisch britischem understatement geht es auch schlichter: Das klassische cucumber sandwich, das vom britischen country set schon immer zum Tee gereicht wurde. Ungetoastete, gebutterte Weißbrotscheiben (wie in GB üblich, natürlich gesalzene Butter) und ein paar dünne Scheiben Gurken – das genügt. Daneben gibt es das sarnie (volkstümlich-liebevoller Ausdruck für das Sandwich) in endlosen Varianten.


1 Wie bei spinach spricht sich der Auslaut des Wortes Sandwich wie auch von Cribbage: -dʒ. Zufall?