Mal was über Orange.

Orange?

Samstag, 18. April 2015

parole veneziane



Santa Maria della Salute an der Eifahrt zum Canal Grande
 Gemälde von Canaletto (1697 - 1768) 





La Serenissima, die Stadt Venedig, oder, wie wir alle wissen, im Italienischen: Venezia, liegt am nördlichen Ende der Adria, beherrschte im Mittelalter und in der Renaissance von dort aus weite Teile des östlichen Mittelmeers und hatte als Seemacht, Kunst- und Handelszentrum enormen Einfluss nicht nur auf die Geschichte, sondern auch auf die Sprachen Europas. Dazu gleich ein paar Beispiele.

Seit Goethe hat der Deutsche eine besondere Beziehung zu Italien, zu la dolce vita, zu Chiantiwein, Spaghetti und Lasagne, und zu der offenbar italienischsten aller Städte ist die Zuneigung besonders ausgeprägt. Noch heute heißen zahllose Eisdielen in Germanistan Venezia.


 
Genau genommen liegt Venedig nicht am Meer, sonder im Wasser, aber auch nicht direkt in der Adria, sondern in einer Lagune. Eine Lagune ist ein Gewässer, das durch Sandablagerungen ("Nehrungen" – z.B. Kurische Nehrung) oder Korallenriffe – dann nennt es sich Atoll – vom Meer (fast) vollständig abgetrennt ist. "Haff" oder "Bodden" nennt man Lagunen in der Ostsee.



Die namensgebende Lagune, die Mutter aller Lagunen, ist die Laguna di Venezia. Die Nehrung, die die Lagune von Norden her einschließt, nennt sich Lido di Jesolo und kann eine Rekordzahl von Campingplätzen aufweisen; nach Süden hin schließt sich ein Streifen Land an, der schlicht Lido heißt (oder Lido di Venezia). Das Wort ist venezianischer Dialekt für "Strand", und ein Strandbad oder ähnliches wird auch anderswo Lido genannt.

In Paris entwickelte sich aus bescheidenen Anfängen (eine Art imitiertes Strandbad im Keller) in den 1940er Jahren ein Nachtclub mit Cabaret und Burlesque-Programmen, das sich Lido nannte. Dieses Etablissement wiederum wurde stilbildend, hat aber nun gar nichts mehr mit Venedig zu tun...

Ein G(h)etto ist laut Wikipedia ein "abgesondertes Wohnviertel". Hm. Das verschweigt, dass es i.d.R. sozial ausgegrenzte Randgruppen sind, die hier wohnen, und das beileibe nicht immer freiwillig. Von den Judenvierteln seit dem Mittelalter (bis hin zum Warschauer Ghetto), von Schwarzenvierteln in amerikanischen Großstädten bis zu den Favelas in den wuchernden Megastädten der Dritten Welt waren hier schon immer die Armen, Schwachen, die Minderheiten zusammengepfercht.

Das Wort Ghetto bezeichnete ursprünglich ein ziemlich isoliertes Stück des venezianischen Stadtteils Canaregio, das ursprünglich von den Eisengießern bewohnt war; ein eisenverarbeitender Betrieb (getto) hatte sich einmal dort befunden, und darum hieß das Judenviertel später so. Zwei Brücken führten hinein, und nächtens nicht mehr hinaus (nur den angesehenen jüdischen Ärzten war es fallweise erlaubt, das Viertel nachts zu verlassen). Die auch anderswo praktizierten Einschränkungen behielt man im Ghetto in Venedig auch bei, als man sie allmählich überall sonst aufgab.
Einfahrt zum Arsenale
Gemälde von Canaletto (1697 - 1768)

Ein Stück weiter östlich, im Stadtteil Castello, findet sich das Arsenale, ein ebenfalls schwer zugänglicher Bezirk, wenngleich die Absperrung hier militärisch begründet war. Es handelt sich hier um die Werft und das Zeughaus der einst bedeutenden Seemacht Venedig. Im Krieg gegen die Türken – eine ernste Bedrohung für die Lagunenstadt und ihr Einflussgebiet im östlichen Mittelmeer - wurden hier bereits im 16. Jahrhundert hundert Kriegsschiffe gebaut – in zwei Wochen!! Die Effektivität dieser Einrichtung wurde allgemein bewundert und darob in vielen Städten nachgeahmt.

Inzwischen werden auch andere militärisch wichtige Institutionen, Waffendepots von Armeen, ja der gesamten Streitkräfte eines Landes wie auch Waffensammlungen überhaupt so genannt. Der Londoner Fußballclub heißt so nach der Rüstungsfabrik, aus deren Arbeiterschaft sich die Spieler des Clubs anfangs rekrutierten.

Es gibt ein Boot, das wie kein anderes unser Bild von Venedig prägt, nämlich die Gondel. Meistens sitzen in einer solchen ein paar Touristen und bestaunen die grandiose Architektur der Stadt; von der Gondel aus, nahe der Wasserlinie, sieht man auch am schönsten, wie die Gebäude verfallen und verfaulen. Hinter den Passagieren steht der Gondoliere und treibt mit einem langen Stecken die Gondel an, während er dabei "O sole mio" schmettert und dabei die gute Akustik der Kanäle ausnützt. aber – das Bild stimmt so nicht! Zum einen sollte er nicht "O sole mio" singen, denn das ist ein Lied aus Neapel. Wichtiger noch: Die lange Stange ist gar keine, und er stochert nicht in den Wassern, sondern er rudert. Im Gegensatz zu seinen Kollegen in Tübingen oder Cambridge, die mit Stocherkähnen den Neckar bzw. mit Punts den Cam befahren, hat er ein ausgeklügeltes, raffiniert in ein Widerlager (forcole)an der Bordwand der Gondel eingelegtes Ruder in der Hand.

Wer sich früher in Venedig über die politische Lage im östlichen Mittelmeer oder wichtige Dinge in der Stadt selbst informieren wollte, konnte auf ein flugblattähnlich zusammengetragenes Nachrichtenblatt zurückgreifen, das nur einen Pfennig kostete. Genau genommen natürlich keinen "Pfennig", sondern die niedrigste Münze der Republik Venedig: eine "Gazetta", und die Zeitung hieß entsprechend "Gazetta di Venezia". In vielen Sprachen und Ländern heißen Zeitungen heute noch so, wenngleich im Deutschen bei "Gazette" immer etwas herablassend-ironisches mitschwingt.

"Sag beim Abschied leise Servus" (Venedig war im 19. Jhd. mehrmals Teil von k.u.k.Österreich-Ungarn) – in Venedig wird über s-ciavón, s-ciavo, s-ciao und schließlich ciao daraus.


Mittwoch, 18. März 2015

Nelken und Imperien

Gewürze sind wie Drogen: Sie bringen Pepp in den Alltag, werten langweilige Gerichte auf, und oft sind sie wertvoller als Gold. Spice up your day, sagt man auf Englisch. Spices sind Spezereien (um einmal den alten deutschen Ausdruck zu zitieren: epices (auf Französisch): kostbar.

Nehmen wir einmal Nelken als Beispiel. Genauer: Gewürznelken. Klein und putzig, und voller Aroma, wenn man darauf beißt. Sie sehen ein wenig wie kleine Nägel, drum heißen sie so.i "Nelke" kommt vom niederdeutschen negelken "kleiner Nagel"; in fast allen germanischen Sprachen heißen sie ähnlich, nicht jedoch im Englischen. Das englische clove kommt vom frz. clou, clove heißt aber auch die Knoblauchzehe und hängt indirekt mit Klavier zusammen. Denn clove, clou &c. leitet sich ab vom lateinischen clavis, "Schlüssel", und das keyboard ist ja nicht nur ein Schlüsselbrett, sondern die Tastatur des Klaviers. Doch wir schweifen ab.

Das umwerfende Aroma der Nelke kommt von dem darin enthaltenen Öl, dem Nelkenöl (aha!), das antibakteriell und schmerzlindernd wirkt und deshalb z.B. ein altbewährtes Mittel gegen Zahnweh und rheumatische Schmerzen ist. Sie stärkt die Verdauung und regt den Appetit an, weswegen die Gewürznelke auch in Magenbittern vorkommt.

Vor allem aber wird sie beim Kochen eingesetzt: im Blau- und Sauerkraut, Lebkuchen und Glühwein wie auch in vielen orientalischen Gerichten; sie ist Bestandteil vieler Gewürzmischungen, wie Currypulver, 5-Wohlgerüche (chinesisch), Panch Phoron (indisch), aber auch der Worcester-Sauce (spricht sich übrigens /ˈwʊstər/, aber das wurcesten Sie ja); Nelkenpfeffer, auch Piment genannt, erinnert in Geschmack und Geruch an Nelken, ist aber nicht damit verwandt. (Piment erinnert auch an Pfeffer, Zimt und Muskatnuss und heißt daher im Englischen auch allspice).

Das Gewürz kommt ursprünglich aus Indonesien, genauer von den Molukken, und da wiederum von der Insel Ternate. Die Molukken liegen in der Übergangszone zwischen der australischen und der asiatischen Klimaregion (der Wallacea-Zone), und bis ins späte 18. Jahrhundert waren sie der einzige Ort der Welt, wo Nelken, aber auch Muskatnuss und Macis (Muskatblüte, auch ein Gewürz) vorkamen. Zwischen den indonesischen Inseln und China, der arabischen Welt und Europa gab es seit alters herii Handelsbeziehungen, und die Molukken insbesondere galten schlicht als Gewürzinseln. Da Gewürze umso kostbarer waren, je rarer sie waren, weckte dies natürlich Begehrlichkeiten.

Kolumbus mag Amerika entdeckt haben, aber der Seeweg nach Indien und Indonesieniii war zunächst sehr viel lohnender. Die Route wurde zwar von den Portugiesen erschlossen (ihnen gelang es als ersten Europäern, Afrika zu umsegeln). Letztlich jedoch waren es die Niederlande, die mittels der VOC (Vereenigde Oost-Indische Compagnie, der niederländischen Entsprechung zur britischen East India Company) dort die materielle Basis ihres Imperiums begründeten, Nederlands-Indië.
Das Monopol auf die Gewürze von den Gewürzinseln war heiß umkämpft (versteht sich fast von selbst) und wurde schließlich von einem Herrn Pierre Poivre (1719 – 1786 – der Mann hieß tatsächlich "Pfeffer"!) gebrochen, dem es gelang, Samen und Pflanzen aus der holländischen Kolonie herauszuschmuggeln und auf französischem Territorium (etwa Mauritius und Reunion) anzubauen.

Wenn wir auch eine Blumenartiv als Nelke bezeichnen, die mit der Gewürznelke biologisch gar nicht verwandt ist – könnten wir uns fragen: warum eigentlich? Der Grund ist ganz banal: weil sie ähnlich riecht. Die Blume selbst ist jedoch alles andere als banal: besonders die rote Nelke ist recht symbolträchtig, steht sie doch einerseits für die Passion Christ, andererseits wurde und wird sie noch als Abzeichen des Sozialismus im Knopfloch getragen. Die sogenannte "Nelkenrevolution" (Revolução dos Cravos) war eine (erfolgreiche) Rebellion linksgerichteter Gruppen gegen das diktatorische System Salazars, die sich 1974 in Portugal ereignete: Das Volk steckte den aufständischen Truppen rote Nelken in die Gewehrläufe, und tatsächlich blieb diese Revolution fast völlig unblutig.




iEine geradezu unerschöpfliche, detaillierte Webseite, die u.a. knapp 100 Namen für die Nelke auflistet, findet sich unter http://gernot-katzers-spice-pages.com/germ/Syzy_aro.html


iiIm Mittelmeerraum war die Nelke schon in der Antike bekannt und begehrt: Sie muss auf abenteuerlichen Wegen nach Europa gelangt sein,,,


iiiDer Wortbestandteil – nesien geht stets zurück auf das griechische νῆσοι, "Inseln", daher auch Mikro- und Polynesien, Melanesien etc.


ivGenau genommen ist das eine Familie mit hunderten von Arten!

Montag, 23. Februar 2015

Richtungen

Hierzu eine Fußnote 1


oben und unten gibt es nicht wirklich: Wenn wir nach oben blicken, etwa zum gestirnten Himmel, ist das nur die Richtung, die dem unten entgegengesetzt ist, und unten ist da, wo es uns hinzieht. Die Schwerkraft zieht uns Richtung Erdmittelpunkt, und wäre ein Freund in Neuseeland gleichzeitig dabei, nach oben zu schauen, wäre sein oben und unser unten so ungefähr dieselbe Richtung. Wäre unser Freund Astronaut und auf Dienstreise, gäb es für ihn dieses oben und unten nicht. Oder etwa doch? Stellen wir uns vor, er wäre auf einer Erdumlaufbahn: in dem Maße, wie ihn die Erde anzöge, hätte er noch ein Stück weit unten; wie aber, wenn er zwischen Erde und Mond wäre, dort, wo sich die relativen Anziehungskräfte aufhöben: wo wäre da oben und unten?



Gute Frage: Wo ist "oben" und "unten"? Fragt man einen Physiker – der müsste es doch eigentlich wissen – erzählt er vermutlich einen Quark – Verzeihung: von einem quark – mit einem spin, der entweder up oder down gerichtet sei, was natürlich nicht mit der Welt da draußen eins zu eins korreliere. Das quark habe schließlich noch mehr flavors! Sie fänden das Ganze irgendwie strange, und der Physiker würde Ihnen zustimmen: "Genau, strangeness ist auch ein flavor!". Und Sie würden eine höfliche Ausrede vorbringen und schnell das Weite(re) suchen: Von dieser Physik schwirrt einem ja der Kopf!!


Was ist rechts und links? Träfe unser Freund, der Astronaut, einen Außerirdischen, könnte er den rechten Arm heben zum Gruß2, und wenn ein Babelfisch, ein Übersetzungsautomat der Enterprise oder ein vielgereister Dolmetscher dem Ufonauten erklärte, dass das die rechte Hand sei, erhoben in Frieden und Freundschaft und zum Zeichen intergalaktischer Verständigung, dann wäre das relativ klar. Funktionierte der Kontakt über, sagen wir einmal, Lichtjahre hinweg, und vielleicht auch noch ohne Dolmetscher, wäre es unmöglich, links und rechts eindeutig zu definieren. Das glauben Sie nicht? Versuchen Sie's!

Stellen Sie sich im Badezimmer vor den Spiegel. Heben Sie die rechte Hand, und Ihr Spiegelbild tut es Ihnen gleich. Oder – tut es das? Ist das seine Rechte? Ist eine gespiegelte Rechte auch die Rechte des Spiegelbilds? Würde Ihr Spiegelbild das genauso sehen?

Wären wir auf dem Meer unterwegs, gäbe es ein rechts und links, weil es ein vorn und hinten gäbe. In Richtung vorn geblickt, wäre rechts …. oder anders gesagt, nein rechts ist immer... äh..
Ja, rechts ist da wo der Daumen links ist. Ein dämlicher Spruch, ebenso nutzlos wie richtig. Man weiß schließlich, wo rechts und links ist, glaubt man, nur definieren kann man's nicht.

Übrigens wäre an Bord eines Schiffes rechts steuerbord, da ist nämlich das Steuer, und die andere Seite heißt korrekt backbord. Warum, fragen Sie verständlicherweise, warum ist steuerbord eigentlich rechts, bzw. warum ist das Steuer rechts? Das Steuer ist ursprünglich ein Ruder (daher Steuerruder), und da ist es effektiver, wenn die rechte Hand näher am Schwerpunkt des Ruders greift. Darum steht der Gondoliere auf dem hinteren linken (!) Seite der Gondel, denn das Ruder und dessen Widerlager sind rechts: So lässt sich die Gondel mit dem Ruder steuern.



In der Schifffahrt gilt heute generell Rechtsverkehr, an Land nicht: Nicht nur die Briten fahren mit der ihnen eigenen Starrköpfigkeit links; das tun auch noch über 50 andere Länder. Warum in manchen Ländern der Linksverkehr gilt, lässt sich nicht mehr feststellen, aber das gilt umgekehrt auch für den Rechtsverkehr.  

Warum geben wir einander beim Händeschütteln die Rechte? Weil wir überwiegend Rechtshänder sind und mithin eine Waffe, so wir eine einsatzbereit mit uns führten, in der rechten Hand hätten. shake hands mit rechts heißt daher: 'Schau, ich bin unbewaffnet' . Und das gilt sogar in Eng- und Schottland.

Übrigens sind in mittelalterlichen Burgen Wendeltreppen so angelegt, dass für den Hinaufstürmenden, im Folgenden 'Feind' genannt, die engere Seite der Stufen rechts ist. Für den von oben Herunterkommenden, im Folgenden 'Verteidiger' genannt, hat die Hand, die das Schwert führt, erheblich mehr Bewegungsfreiheit. Selbst wenn der Feind Linkshänder ist, hat der Verteidiger immer noch den Vorteil, dass es sich von oben herab besser kämpft, denn so kommt ihm die Schwerkraft zugute. Er behält die Oberhand, und der Feind ist meist der Unterlegene.

Und weil gerade der Wind weht: die Windseite des Schiffes heißt Luv, und Lee ist die dem Wind abgekehrte Seite. Da ist klar, was was ist, wenigstens, solange der Wind weht.

Wüssten Sie übrigens an Bord eines Schiffes, wo Sie gerade sind? "Irgendwo auf dem Meer" wäre keine befriedigende Antwort; wenn Sie, sagen wir einmal, vor einer halben Stunde in Malaga abgelegt hätten, könnten Sie immerhin ziemlich sicher sein, dass Sie sich a) nördlich des Äquators und b) westlich von Greenwich befänden. Je nachdem, wie weit man weg ist vom Äquator, befindet man sich auf soundsoviel Grad nördlicher (oder, auf einem anderen Schiff in einem anderen Urlaub, südlicher) Breite. Parallel zum Äquator sind die Breiten, und selbst ein Leichtmatrose fände es nicht allzu schwer, mittels eines Sextanten und mit der Hilfe einer Person, die ihm die Funktionsweise eines solchen Instruments zeigen könnte, den Breitengrad zu bestimmen. Hier ist jedenfalls nicht der Ort, auf Details einzugehen. Nur eines: Wenn man der Stand der Sonne über dem Horizont peilen kann, hat man schon fast den Breitengrad.

Der Längengrad ist schwieriger, aber was uns hier interessiert, ist die Tatsache, dass er auf einer willkürlichen Festlegung beruht: Greenwich bei London ist Null, genauer: Dass der Nullmeridian, das heißt, die Linie - die von Pol zu Pol und senkrecht zum Äquator gedacht - die Linie ist, auf die sich alle, Seefahrer, Landratten und Google (natürlich auch Wikipedia, wenn es heißt, Würzburg etwa sei 49° 48′ N, 9° 56′ O) beziehen, und dass diese Linie durch die Königliche Sternwarte Ihrer Britannischen Majestät verläuft.

Wir fassen zusammen: oben und unten gibt es nicht, kein Mensch kann sagen, was links und rechts bedeuten, und Angaben zur Position sind, mindestens zur Hälfte, reine Willkür. Na sauber!

Ach ja: In jeder Tropfsteinhöhle gibt es Tropfsteine, klar, und die gibt es von oben und von unten.
Wer ist da Stalagmit, und wer Stalaktit? Das Gestein tropft vor sich hin, und eigentlich ist es ihm egal, ob es Stalagmit oder -tit ist. Steter Tropfen höht den Stein, pitsch...patsch...titt...t...
Seit ewigen Zeiten.

Wo aber geht es hin, wenn's so weitergeht? Ganz am Ende steht die totale Entropie des Universums, der Kältetod, wo sich nichts mehr regt, und die Existenz den Geist aufgibt.

Aber getrost, Freunde, bis dahin ist noch lang.

1Vgl. das Gedicht "lichtung" von Elnst Jandr
2Das heißt etwa "Ich komme in Frieden – schau, ich hab nichts in der Hand".
Mehr dazu weiter unten [Das Paradoxe ist hier jetzt: Wenn diese Fußnote am Ende stünde – als Endnote – hieße dieses unten eigentlich oben....]

Sonntag, 18. Januar 2015

statt Zuckerbrot


Nicht nur seit den Tagen von Indiana Jones (der Mann war Archäologe!) und Konsorten ist die Peitsche ein Stück – ja, was eigentlich?? Folklore? Brauchtum? eine Waffe? ein Spielzeug? ein Folterinstrument? Antwort: JA!

Bevor wir ins Detail gehen, müssen wir ein paar Dinge klären. Zunächst einmal: Was ist eigentlich eine Peitsche? Da es mir in meiner Kindheit noch beschieden war, bei strafbaren Vergehen in der Schule gelegentlich die Rute des Lehrers auf die Handinnenflächen appliziert zu bekommen (was allerdings nicht der Grund dafür war, dass ich selber Lehrer wurde!), kenne ich dieses Instrument der rustikalen Pädagogik recht gut. Das hat zwar ordentlich"gepfetzt", wie wir das nannten, aber eine Peitsche war das nicht. Laut Duden ist nämlich eine Peitsche ein "aus einem längeren biegsamen Stock und einer an dessen einem Ende befestigten Schnur bestehender Gegenstand," und die Rute des Herrn S. war aus einem Stück. Der Duden (online) verrät uns zwar nur indirekt, wie die beiden Bestandteile einer Peitsche genannt werden; die heißen nämlich tatsächlich "Stiel" und "Schnur". Der deutschsprachigeWikipedia-Artkel spricht zwar von "Stiel" , aber auch einem "Lederriemen" oder "Strick". Das mit dem "Riemen" mag angehen, aber "Strick" ist fragwürdig. Was denkt sich überhaupt ein Wiki-Autor, der eine Peitsche allen Ernstes als "Schlagwaffe oder ein Kommunikationsmittel" (!) bezeichnet? (im Originalton Wiki weiter: "Zu dem ebenfalls als Peitsche bezeichneten Musikinstrument siehe Peitsche (Musikinstrument)." OK. Das von Wikipedia als "freies Ablenkungs-Aerophon" beschriebene Musikinstrument gibt es wirklich; ich sage nur "Goaßlschnalzn". Doch davon später.

So eine Peitsche kennen wir vom Fiaker und jedem anderen Kutscher, der etwas auf sich hält. Und ein guter Kutscher tut dem Pferd auch nicht weh – das tun nur die Kutscher um Wilden Westen, wenn die Indianer hinter ihnen her sind – sondern er schnalzt mit der Peitsche. Das klingt nämlich stilecht und für das Pferdl offenbar motivierend.

A propos Schnalzen: Das ist nicht ganz einfach, und bei genauerer Betrachtung hat eine Peitsche (hier im Sinne von Musikinstrument) am Ende der Schnur ein weiteres Teil, die Treibschnur, auch Bast genannt. Damit wären wir beim Brauchtum, nämlich dem Goaßlschnalzn. das ist mitnichten eine kleine Geiß, denn die schnalzt ja nicht, sondern die Peitsche (Goaßl = Geißel), und es gibt Gegenden in den (Vor-)Alpen, wo man seit ewig-urigen, also vorfrommen Zeiten schnalzt. Siehe http://www.schnalzen.de/ . Das Schnalzen beherrschen aber, wie gesagt, auch viele Kutscher, und die schnalzen nicht mit der Goaßl, sondern knallen mit der Peitsche. Ob das aber Musik ist, sei dahingestellt. Immerhin schreibt Leopold Mozart (also der Herr Vater vom Wolferl) bei seiner "Bauernhochzeit" (Sinfonia in D-Dur) auch Peitschenknallen vor. Bei den Reichen knallen die Sektkorken; bei den Armen knallen höchstens die Peitschen. Nur so eine Theorie...

Zu den eher harmlosen Vergnügungen mit der Peitsche gehört auch ihre Verwendung als Spielzeug. Vor, sagen wir einmal: hundert Jahren etwa bekamen artige Kinder gar oft einen gedrechselten, hölzernen Kreisel, der mittels einer Peitsche – hier nur mit einem harmlosen Strick bestückt – mit einer gewissen Geschicktheit eine theoretisch endlose Zeit in Drehung gehalten werden konnte, bis schließlich der Hund darüber herfiel oder das Kind des Treibens müde wurde.

Gewissermaßen als Spielzeug, wenn auch in einem völlig anderen Kontext, taucht die Peitsche auch heute noch auf, im einschlägigen (no pun intended!) Fachhandel, auf eBay und überhaupt im Internet auf. Googelt (oder von mir aus "bingt") man "Peitsche", tauchen massenhaft Begriffe wie "Domina" oder "BDSM1" auf; und natürlich wußten wir alle, dass es in – wie man früher sagte – der Sado-Maso-Szene unter den Hilfsmitteln auch Peitschen gab und gibt, aber das Ausmaß überrascht dann doch. Man muss sich wohl auch sehr anstrengen, so etwas wie eine Peitsche schön zu finden. Die Peitsche hat offenbar tatsächlich längst Einzug gehalten in deutschen Schlafzimmern. Dabei geht es offenbar auch gar nicht um "schön" im ästhetischen Sinn, aber es scheint doch eine ganze Menge Menschen zu geben, die Schmerz – und was eine Peitsche sonst noch vermitteln mag – als lustvoll empfinden.

Und es war wohl auch ein gewisses Maß an Masochismus mit im Spiel, als die Selbstkasteiung zur Massenbewegung wurde. Im Christentum hat ja wegen Kreuzigung und dem Martyrium der Heiligen die bildliche, religiös überhöhte Darstellung von Folter, Leid und dem Ertragen von Schmerz einen ganz eigenen, schwer zu definierenden Wert. Selbstkasteiung und freiwillig ertragenes Leid sind den meisten Kulturen fremd2. Auf jeden Fall gedeihen auf solchem Nährboden Absurditäten wie die Geißlerbewegung (auch: Flagellanten, vom lat. flagellum, "Geißel"), bei der im 13./14.Jhd. Menschen in einer Massenhysterie durch die Straßen zogen und sich dabei für die eigenen Sünden wie auch die der Menschheit insgesamt selbst geißelten und ähnlich andere Verletzungen zufügten. Eine Art religiös motivierter, aber eben doch auch: Masochimus also. Normal ist eher die Angst vor der Geißel, daher Beinamen wie die "Geißel Gottes": Attila the Hun.
Geißler / Geißeltierchen / Geißel Gottes (Attila)
Geißel ist ein altes gemanisches Worz; Peitsche ist aus dem Slawischen entlehnt und nicht, we man vermuten könnte, lautmalerisch, hört man doch geradezu nach dem harten Plosivlaut 'p' die Schnur die Luft durchschneiden, um dann mit der zischenden Affrikata 'tsch' schmerzhaft aufzuschlagen. Übrigens könnte auch das englische 'whip' lautmalerisch aufgefassst werden: auf das windige 'wh' folgt ein hartes 'p' – aber lassen wir das. Irgendwie dürfte das Wort ursprünglich eine rasche Hin-und Herbewegung bezeichnet haben (und insofern letztlich mit unserer Wippe verwandt sein) aber so ganz genau weiß man das nicht. Darum klingt die lautmalerische Theorie auch einigermaßen plausibel. 

Kurioserweise hat whip im Englischen auch eine parlamentarische Bedeutung. Gewöhnlich wird es dann mit Einpeitscher übersetzt, bezeichnet es doch den Mann, der für Parteidisziplin, vor allem bei Abstimmungen, sorgt. Dabei stimmt sich der Chief Whip der Regierung mit dem der loyalen Opposition ihrer Majestät ab. Von der Funktion her hat er etwas vom parlamentarischen Geschäftsführer einer Fraktion im Bundestag.

Die Geißel hatte eine Funktion im Alten Ägypten, die wohl die strenge Seite der Macht symbolisierte. Man kennt das von den Sarkophagen verstorbener Pharaonen, deren Abbild als Halb- oder Vollrelief den Deckel seines steinernen Sargs zierte: mit der Doppelkrone Ober- und Unterägyptens sowie, über der Brust gekreuzt, einem Krummstab (der – wie man das auch vom Krummstab von christlichen Bischöfen kennt – den fürsorgenden Hirten darstellen sollte) sowie eben einer Peitsche mit mehreren Riemen.

In der Fachsprache der Archäologen heißt dieses eigenartige Szepter Flagellum.
So heißt bei den Biologen das Fortbewegungsmittel bestimmter Kleinstlebewesen, wie etwa dem danach benannten Geißeltierchen. Es ist dies ein schwanzähnlicher Fortsatz,der mit rudernden Bewegungen das "Tierlein" oder, um etwas Vertrauteres anzuführen, ein Spermatozoon vorantreibt, wenn es im Wasser herumzieht.

«la ligne coup de fouet» (etwa "Peitschenschlag") nannte der bedeutende belgische Architekt Victor Horta
Hotel Tassel, Brüssel, von Victor Horta
jene geschwungene Linie, die wie kein zweites Argument den Jugendstil auf einen Nenner bringt: zeitlose Schönheit und Eleganz in Vollendung. Man muss sich schon sehr anstrengen, wenn man so etwas nicht schön finden will.


Aber der eigentliche Sinn und Zweck von Geißel, Knute & Co. ist natürlich das Bestrafen, die Zufügung von Leid, sei das nun als pädagogische Maßnahme verbrämt, zur Wahrung von Disziplin oder als "gerechte" Strafe deklariert. Und natürlich ist der Mensch hier recht erfinderisch, und schon immer erfinderisch gewesen.

Man denke nur an die vielfältigen Formen des corporal punishment,
Belting · Birching · Caning · Spanking · Strapping · Switch ( in Schulen
Flat hand · Paddle · Slippering (Spanking with a pair of slippers): (daheim·)
flogging, whipping oder lashing (Auspeitschen) - die Bandbreite reicht von der "ausrutschenden" Hand bis zu massiven  Misshandlungen.

Und Grausamkeiten waren und sind in praktisch allen Kulturen regelrecht an der Tagesordnung; Auspeitschen war meist öffentlich. Dass dabei besondere Sorfalt waltete, belegen die gebrauchten Instrumente nur zu gut:
z. B. die Knute (engl. knout) , wohl von den Russen oder Wikingern: eine Peitsche mit Knoten; die russische nagaika (Russisch: нага́йка), der Kurbasch (aus Nilpferd- oder Nashornleder; ca 1m lang) der Osmanen (türk.: kırbaç), der afrikanische Sjambok.; der u.a. aus Karl Mays Büchern geläufige Ochsenziemer (oder -fiesel, laut Wörterbuch der deutschen Umgangssprache von M.Küpper war das "eigentlich das getrocknete und gelängte Geschlechtsglied des Ochsen" ) die Cat o' nine tails (Matrosenslang: neunschwänzige Katze (= Peitsche mit neun Riemen; daher auch "Not enough room to swing a cat:" ( vgl. frz. martinet, ) - und so weiter und so ewig fort.


unvollständiger Excur+ über besonder+ fiese Foltermethoden
Auspeitschen: bis die Haut in Fetzen hängt; die Schwielen entstellen i.d.R. ein Leben lang
Bastonade (Hiebe auf die bloßen Fußsohlen)
Gassenlaufen, auch Spießrutenlauf (vgl. das Lied "König von Preußen" im Anhang)
Stäupen: unehrenhaft; der Delinquent wird am Pranger geschlagen
Kielholen: der zu Strafende wird unter dem Kiel eines fahrenden Schiffes durchgezogen; kaum zu überleben!

Anhang: Ein Lied aus dem späten 18. Jhd; Verfasser unbekannt. Seit den 1970ern ein wieder oft gesungenes Lied über den grausamen Militärdienst, wie er nicht nur in der preußischen Armee gepflegt wurde:

1.

O König von Preußen,

du großer Potentat,

was sind wir deines Dienstes

so überdrüssig satt.

Was fangen wir nur an

in diesem Jammertal,

allwo ist nichts zu finden

als lauter Not und Qual.


2.

Und kommt das Frühjahr an,

da ist die große Hitz',

da muß man exerzieren,

daß ei'm der Buckel schwitzt.

Da muß man exerzieren

vom Morgen bis Mittag,

und das verfluchte Leben

das währt den ganzen Tag.


3.

Vom Exerzieren weg

geht's wieder auf die Wacht,

kein Teufel tut nicht fragen,

ob man gefressen hat.

Kein Branntwein in der Flaschen,

kein weißes Brot dabei;

ein schlechtes Tabakrauchen,

das ist er Zeitvertreib.


4.

Und kommt ein' frisch' Parad',

tut man ein falschen Schritt,

Dann hört man es schon rufen

der Kerl muß aus den Glied!

Patronentasche runter,

den Säbel abgelegt,

Und tapfer drauf geschmissen

bis er sich nicht mehr regt.



5.

Ihr Herren, nehmt's nicht Wunder,

wann einer desertiert,

wir werden wie die Hunde

mit Schlägen strapliziert;

und bringen sie uns wieder,

sie henken uns nicht auf,

das Kriegsrecht wird gesprochen:

Der Kerl muß Gassen lauf!


6.

Und wann wir Gassen laufen,

so spielet man uns auf

mit Waldhorn und Trompeten,

da geht es tapfer drauf;

da werden wir gehauen

von einem Musketier,

der eine hat's Bedauern,

der andre gönnt es mir.


7.

Und werden wir dann alt,

wo wenden wir uns hin?

Die Gesundheit ist verloren,

die Kräfte sind dahin!

Und endlich wird es heißen:

Ein Vogel und kein Nest!

Geh', Alter, nimm den Bettelsack,

bist auch Soldat gewest!


1Bondage, Discipline, Sadism, Masochism. Vgl. hierzu den verdächtig langen Wikpedia-Artikel, der in der deutschsprachigen Version zu den featured articles ("the best of Wikipedia") gehört.
2Jedoch nicht allen: Man denke z.B. an Fakire im Hinduismus!