Mal was über Orange.

Orange?

Montag, 5. August 2013

Eine Minderheit und ihre Sprachen

יצחק באַשעוויס זינגער": men fregt mich oft, far wos schrejbste in yiddish? Un ich wel gebn ojf die frage an entfer, un mein entfer wet sejn a yiddish lache, des heisst ich will entfern oif a frage mit a frage: Der entfer is – was will ich nicht schreibn ojf yiddish?"

"In a figurative way, Yiddish is the wise and humble language of us all, the idiom of frightened and hopeful Humanity."
[Izhak Bashevis Singer, aus der Nobelpreisrede 1978]
1. Antike:
Die doppelte Definition der Juden als Ethnie (Volk) und als Glaubensgemeinschaft macht es oft nicht einfach, zu sagen, was eine Jüdin bzw. ein Jude eigentlich ist. So ist es auch ausnehmend schwierig, die Anfänge des Judentums einzugrenzen. Neuere Forschungen haben gezeigt, dass die heiligen Schriften des Judentums (die dem Alten Testament entsprechen), der Tanach, erst im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung Gestalt annahmen. Das gilt auch für den wichtigsten Teil, die Tora. Das identitätsstiftende Babylonische Exil begann 597. Es scheint sinnvoll, die Geschichte des Judentums nicht allzu viel weiter in die Vergangenheit zu verlegen: Vorher waren die Juden eine zufällige Ansammlung von semitischen Hirtenstämmen mit unterschiedlichen Stammesgottheiten, Diese Menschen sprachen mehrere eng verwandte Sprachen, nämlich (neben Nabatäisch und Samaritanisch) vor allem Hebräisch und Aramäisch, zwei Sprachen, die noch weit über die biblische Zeit hinaus im (später so genannten) Palästina gesprochen werden. Es ist interessant, dass die Epoche des Alten Testaments, vor allem aber die des Neuen Testaments, parallel zum Hellenismus stattfand; das Neue Testament ist daher auch in Griechisch verfasst. Dennoch: was die biblischen „Väter” (und Mütter?) gesprochen haben, war Hebräisch und Aramäisch. Letzteres ist übrigens die Sprache, die Jesus offenbar gesprochen hat; „Eli eli, lama sabachthani”, „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?” ist Aramäisch.

2, Diaspora
Als der babylonische Künig Nebukadnezar ab 597 v.u.Z. die von den Juden bewohnten Lande eroberte, wurden viele Juden, vor allem aus der Oberschicht, nach Babylon verschleppt. Die Bibel berichtet verständlicherweise etwas tendenziös von der „Babylonischen Gefangenschaft”, die so schlimm nicht gewesen sein dürfte. Aber: so begann das sonderbare Schicksal der Juden, wesentliche Teile ihrer Geschichte „verstreut unter den Völkern” (5 Mose 28) zubringen zu müssen. Man nennt die Fremde, in der sie lebten, Diaspora. Dieser Zustand endete mit der Gründung am 5. Ijjar 5708 (nach dem jüdischen Kalender; nach unserem 14. Mai 1948 ) von Medīnat Yisrā'el, dem Staat Israel, durch die Zionisten. Doch leben viele Juden auch außerhalb dieses Staates, und nicht alle sind mit seiner Politik eiverstanden. In gewissem Sinn leben viele Juden auch heute noch in der Diaspora.
Chagall, Rabbiner (Ausschnitt)

Sprachlich gesehen ist die Situation uneinheitlich; je nachdem, wo die jüdische Minderheit lebte, und wie sie toleriert wurde, dürfte sich die Sprache unterschiedlich entwickelt haben, derer sie sich bediente. Als besonderes Volk, ja als auserwähltes, und wegen des Beharrens auf eigene Lebensweisen, Sitten und Rituale und natürlich auf den eigenen Glauben wurden sie oft angefeindet. Dem Umstand, dass sie anders lebten, begegnete man mit Misstrauen, und oft waren sie bestenfalls geduldet. Dem war nicht immer so: Es gab auch Momente in ihrer bewegten Geschichte, in denen sie angenommen und als Nachbarn geachtet wurden, etwa in Baghdad im neunten Jahrhundert, in Córdoba im zehnten. oder in den Vereinigten Niederlanden im 17. Jahrhundert. Meistens jedoch war der Frieden heikel und die Tolerierung an Sondersteuern gebunden. Pogrome (also Massaker) an der jüdischen Minderheit wiederholten sich immer wieder, und den Juden blieb vielfach nur die Flucht.

3. Vertreibungen
Die ersten Pogrome in (West)Europa standen im Zusammenhang mit den Kreuzzügen, die sich zwar vor allem gegen die (muslimischen) Sarazenen richteten, aber jüdische Gemeinden in vielen Teilen auch Deutschlands in blutige Mitleidenschaft zogen. Hirngespinste wie Hostienfrevel oder Brunnenvergiftungen oder Ritualmorde wurden ihnen nachgesagt, und der Mord an „unserem Herrn Jesu” sowieso. Die Juden Deutschlands brachten sich in Sicherheit, und die glaubte man im noch dünn besiedelten Osteuropa zu finden. Sie brachten mit sich: die deutsche Sprache. Ein einzigartiger Fall von Sprachvermischung brachte das Jiddische hervor. Die Wurzel, mithin die grammatische Struktur, blieb im Wesentlichen deutsch, aber vermischt mit einzelnen hebräischen Worten (wie man sie beim Studium etwa des Talmud fand und benutzte: die Sprache der Synagogen). Dazu kamen Wörter aus dem Polnischen, dem Russischen und anderen osteuropäischen Sprachen. Das Jiddische wirde zur familiären1 Umgangssprache, die eigentliche Muttersprache, oder, wi men sogt oif Jiddisch, die Mameloschn. Da man sie mit der (einem Juden aus dem Talmudstudien in der Jeschiwe vertrauten) hebräischen Quadratschrift und von rechts nach links schrieb, sieht sie exotischer aus als sie ist. ײדיש יז גאר ניט שײעך - Jiddisch is gor nischt asoi schwer!

Als die Reyes Católicos (Ferdinand und Isabella) im Zuge der Reconquista, der Zurückeroberung Spaniens ab den 1480ern, alles vertrieben, was sich nicht christlich nannte, betraf das natürlich und zuallererst die Juden. Diese flohen vor allem in städtische Zentren im Mittelmeerraum (Osmanisches Reich!) und darüber hinaus: nach Istanbul, Izmir, Jerusalem und Beirut, nach Livorno2, aber auch nach Bordeaux, Amsterdam und Hamburg. Man nannte sie Sephardim, und unter ihren Nachkommen finden sich einige illustre Namen: der Aufklärer Moses Maimonides, Baruch Spinoza und Jacques Derrida, beide Philosophen, der britische Premier Benjamin Disraeli, oder der Schriftsteller Elias Canetti.

Ihre Sprache war das Ladino, das manchmal auch „Judenspanisch” heißt, so wie Jiddisch das „Judendeutsch” ist. Die Grundlage ist hier Spanisch und z.T. Katalanisch und Portugiesisch, durchsetzt mit hebräischen begriffen und – das ist vielleicht ein größerer Unterschied zu Jiddisch – mit mehr gemischten Formen, d. h. spanische Wörter mit hebräischen Prä- und Suffixen (Flexionsendungen usw.) und deutlicheren grammatischen Einflüssen. Obendrein und angesichts der Umstände naheliegenderweise: voller Arabismen. Und wie Jiddisch wird es gewöhnlich mit „hebräischen” Buchstaben geschrieben. Viele der Sephardim waren Kaufleute, und ihr Ladino beeinflusste oft andere, mit denen sie Handel trieben. Trotzdem: auf lange Sicht gesehen, konnte Ladino nicht überleben, und gegen Anfang des 20. Jahrhunderts schwand es dahin. 

Es gab also das Judentum im Osten, im heutigen Polen, in der Ukraine, in Weißrussland oder im Zarenreich. Die Mehrzahl dieser Menschen lebte auf dem Lande, im Schtetl, ein Leben von naiver Frömmigkeit. Daneben gab es aber auch Juden, die gesellschaftlich mehr oder weniger integriert waren und die sich in erster Linie als Deutsche, Franzosen oder was auch immer fühlten und die auch nicht, oder sehr wenig, Jiddisch sprachen. Das - die Juden der Schtetls wie auch die integrierteren Glaubensgenossen - waren die Aschkenasim. Im Unterschied dazu gab es, vor allem in den orientalischen Metropolen, aber auch in Orten wie Hamburg oder (besonders) Amsterdam die Juden, die (oder deren Vofahren) aus SPanien vertrieben worden waren: die Sephardim.

Sonderfall: Chasaren. Die Chasaren waren ein Steppenvolk, das u.a. den westlichen Teil der Seidenstraße kontrollierte und an der Kreuzung zwischen Orient und Okzident siedelte, nördlich des Kaspischen Meeres. Gegen Ende des 8. Jahrhunderts traten Herrscher und Adel und wohl auch, wie man heute zu wissen glaubt, weite Teile der Bevölkerung zum Judentum über. Da die Chasaren ihre Sprache, eine Turksprache, beibehielten, und da das Reich der Chasaren ohnehin zwei Jahrhunderte später von den Kiewer Rus (den Vorfahren der Russen) gewaltsam bezwungen wurde, ist dieses historisch so ziemlich einzigartige Ereignis hier nicht weiter von Belang.

4. Medinat Jisra’el:
Mit der Gründung des Staates Israel; Medinat Jisra’el, erfüllte sich der Traum vieler Juden: wieder zurückzukehren ins Land der Väter. Die Bewegung, die unter den Juden der Diaspora darauf hinarbeitete, dies möglich zu machen, nannte man Zionismus, und der Hinweis darauf, dass die Väter vor bereits mehr als zweitausend Jahren in eben diesem Land gelebt hatten und mithin der Anspruch etwas weit hergeholt schien, wurde von den Zionisten nicht gerne gehört. Als der britische Außenminister A. J. Balfour den Juden der Welt eine Heimat versprach (in der spg. „Balfour-Declaration” von 1917), tat er das aus politichen Gründen. und es war ein fragwürdiges Signal. Denn es war beileibe nicht jeder Jude in der Diaspora ein Zionist; viele fühlten sich in dem Land, in dem sie lebten, recht wohl, und sie hätten um nichts in der Welt in die vorderasiatische Halbwüste „zurück”-gewollt. Die Auseinandersetzung um Palästina und das Heimatrecht der verschiedenen Völker, die dort leben, wird wahrscheinlich noch lange andauern.
Klezmer-Musikanten

Israel wurde hier aber aus einem anderen Grund erwähnt, und zwar, weil dort etwas geschah, das Seltenheitswert hat. Mir ist kein anderer Fall dieser Größemordnung bekannt: Eine Sprache, die bereits tot war – oder, genau genommen, die zwar Gott verstand, aber kein Mensch mehr sprach, nämlich das Hebräisch der Torah, des Talmud und der Mischnah, die heilige Sprache der Juden, wie sie in der Synagoge feirlich gebraqucht wurde, aber sonst nirgends – diese Sprache wurde wieder zm Leben erweckt. Erfolgreich! Man kann in dieser Sprache Vorträge halten, verliebt flüstern, ordinär sein, Slang benutzen und sogar fluchen. Das ist ein kleines Wunder. Nur heißt sie nicht mehr Hebräisch – man nennt sie Iwrit.

5. Di goldene medine
Man könnte jetzt meinen, wir wären wieder am Anfang angelangt: Man spricht wieder die Sprache der Väter, und zwar im Land der Väter, und Israel ist ein großartig junges, dynamisches Land. Und doch sei noch angemerkt:
  • Es gibt gute Gründe, mit der Politik des Staates Israel nicht einverstanden zu sein, vor allem nicht mit der sogenannnten Siedlungspolitik.
  • Iwrit ist Amtssprache in Israel, eine junge Generation ist damit augewachsen. Das ist gut. Die andere Amtssprache ist Arabisch, und auch hier gibt es eine junge Generation. Auch das ist gut. Nur: Sie haben noch nicht geleern, einander gelten zu lassen. Ungut!
  • Die unter den Juden der Welt meistgesprochene Sprache ist – Englisch, Denn allein schon in Amerika (Amerike: di goldene medine / das „goldene” Land) gibt es praktisch so viele Juden wie in Israel.
  • Und nur in Amerika spricht eine nennenswerte Anzahl von Menschen noch Jiddisch.
  • Selbst die Art, wie Yiddish wet geshribn is gemakht gevorn Americanish. 
1) Im wörtlichen Sinn: die Sprache, die in der Familie gesprochen wurde. Aber schon auch „vertraut”
2) wo man sie nicht zwang, im Ghetto zu leben) Livorno galt damals als „Paradies der Juden”.

Dienstag, 9. Juli 2013

Gestrenge Worte

"Weh über euch, ihr verstockten Sünder!" ruft der Priester über die versammelte Gemeinde und trommelt dabei mit den Fäusten aufs Lesepult; die Herren Studiosi in der Zuhörerschaft amüsieren sich darüber, statt in sich zu kehren, und sie nennen das Fäustetrommeln Pauken. Der Priester paukt schon wieder; eine wahre Standpauke hält er uns, prusten sie...Andererseits: viele Gemeindemitglieder sitzen ganz geduckt da; sie leiden doch arg darunter, so abgekanzelt zu werden.


Schauplatzwechsel: als die Mönche sich zu nachtschlafener Zeit zur Morgenandacht versammeln, sind einige von ihnen noch recht schlaftrunken, andere whl nicht immer so recht bei der Sache. Wie dem auch sei: Der Abt läßt zur geistigen Sammlung aus der Bibel vorlesen. Vorzugshalber aus dem 3. Buch Mose, dem Buche Leviticus - nicht nur für Außenstehende eines der langweiligeren Bücher des Alten Testaments. So läßt er allen die Leviten lesen....

Manchmal hilft der gütige Beichtvater dem reuigen Sünder, die Reue in die passend frommen Worte zu fassen; er spricht ihm den Selbst-Tadel und die Zerknirschung vor, nimmt ihn ins Gebet. Erquicklich ist das nicht, denn es muss Buße getan werden.

Eine ganz andere Predigt läßt so mancher - nicht ganz freiwillig - über sich ergehen, wenn er des Abends ins Bett steigen will. Da liegt seine holde Gattin schon und keift durch die noch geschlossenen Bettvorhänge. Der Mann kratzt sich am Kopf: "Schon wieder so eine Gardinenpredigt" sagt er sich. "Mir reichts" Aber er fasst sich in Geduld; er kennt's ja schon.

Reden wir doch ohne Umschweife; gerade heraus und, wie man heute so sagt, zielführend. Sprächen wir jiddisch, würden wir sagen. "lomir redn tacheles": Reden wir tacheles miteinander!

Wie unfreundlich ist dagegen der Spielmann, der uns gerade zur Geige singend verspottet hat und uns nun auch noch den Bogen auf den Kopf hauen will. So etwas Unverschämtes. Sagt der Kerl doch glatt, er wolle uns die Meinung geigen! Dem werden wir was erzählen! Dem Kerl werden wir Bescheid stoßen; So geht's ja nun nicht!!

Wie aber sprechen die heutigen Studiosi? "Der Typ will uns dissen. Dem sag ich doch, ey Alder, chill mal!"

Doppelungen, [Silben]reduplikation oder Gemination

In einer Zeit, in der 'ganz ganz' immer häufiger verwendet wird, um 'sehr' auszudrücken ("Uns haben wieder ganz ganz viele Zuschauer angerufen, die wissen wollen..." usw.), könnte man sich einmal anschauen, was mit solcherlei Doppelungen noch alles gemacht wird:

ata ata
Babysprache für "byebye"
Bonbon
nannte meine Oma immer "Gutserle": stimmt ja auch
Cancan
ein Schautanz und höchst unkeusch, besonders beliebt im Western
dalli dalli
ist Polnisch und heißt "schnell schnell". Ganz früher hieß mal eine hektische Fernsehshow mit Hans Rosenthal so; auf Russisch hieße das "dawei dawei", welches man sich ganz langsam und österreichisch vorstellen sollte (etwa Helmut Qualtinger). Nur so, aus Jux.
eff eff
Eigentlich ja "aus dem ff". Das hat mit einem falsch geschriebenen/gelesenen Π
(griech. P, also pi) zu tun, und das wiederum steht für die Pandekten, die komplexen römischen Rechtstexte. Wer da noch durchblickt, beherrscht die Sache aus dem Effeff.
go go
So feuert man auf Englisch jemanden an; im konkreten Fall waren das Disco-Tänzerinnen, und das Ganze war in den 1960ern. Daher Gogo-Girls.
har har
die Schurken im Comic (z.B. Panzerknacker) lachen so: hämisch
itai itai
eine schmerzhafte Cadmium-Vergiftung (Chemie im Trinkwasser). Itai ist japanisch und heißt 'aua'
Jo-jo
der Name ist möglicherweise Tagalog; das Spiel kannten die alten Griechen schon: ein Kreisel an der Leine
Kuckuck
Schauschau, sagt der Vogel selber, und alle plappern es nach.
Sogar auf Russisch heisst er Kukuschka (куку́шка).
Lang Lang
Klavier-Star aus der Mandschurei, Da ist dann auch egal, was Vor- und was Nachname ist. Außerdem leichter zu merken als etwa Mstislaw Rostropowitsch.
Mau-Mau
ein Klassiker unter den Kartenspielen; kommerziell heißt es Uno
Ngorongoro
Ein Krater am Rand der Serengeti; kurzzeitig be[vieh]wirtschaftet von einem Herrn Adolf Siedentopf aus Bielefeld, jezt nur noch Wildlife. Der Name ist Maasai und bedeutet vermutlich Kuhglocke. Klingt ja auch ähnlich.
Orang orang
Orang orang ist der Plural von Mensch (Orang), und Orang utan ist der wilde Bruder des Menschen, der Waldmensch
Pipi
im Englischen wee-wee, ansonsten (F, Span., It) wie bei uns
quidquid
Quidquid agis prudenter agas et respice finem (1) ; wie wahr! Man beachte neben dem schönen Konjunktiv auch das verallgemeinernde Relativpronomen quidquid, bei dem die Doppelung ein "[was] auch immer" ausdrückt
RoRo
RoRo-Frachtschiffe heißen so, weil bei ihnen Lkw/Züge mitsamt ihrer Ladung am einen Ende (mittels Rampen) rein- und nach der Überfahrt am anderen Ende wieder rausfahren: "roll on, roll off" heißt das auf Englisch
Sing Sing
Ein Hochsicherheitsgefängnis in upstate New York, wenige Meilen vom Big Apple den Hudson aufwärts, mit exzellenter Bahnanbindung. Die Indianer, denen das Land ursprünglich gehörte, hießen so: nix Chinesisches also
Tamtam
ein ostasiatischer Metallgong, auch Aufmerksamkeit heischendes Getue, das man macht: Lärm halt
UU
steht natürlich für die University of Ulster, bzw. die Universiteit Utrecht. Aber auch für die Union University, "a four-year, liberal arts, Christian university located in Jackson, Tennessee, USA". Schon interessant, was sich alles ungestraft Universität nennen darf!
Van Van
genauer: Los Van Van ist eine kubanische Salsa-Band, die es schon fast so lange gibt wie Los Rolling Stones
Wikiwiki
ist, so heißt es, hawaiianisch für – dalli dalli
Xai-Xai
ist eine Stadt und ein katholisches Bistum in Mosambik, aber das wußten Sie ja bereits,,,
Ylang-Ylang
ein Baum in Südostasien (Cananga odorata), dessen Blüten ein begehrtes ätherisches Öl enthalten
Zsa Zsa
Zsa Zsa Gábor hieß eigentlich ZsuZsanna: ex-Miss Ungarn, später Hollywood

Kennen Sie eigentlich die "Schm"-Reduplikation? Im (amerikanischen) Englisch ist sie gut verbreitet, kommt aber eigentlich aus dem Jiddischen. Wenn man etwas ironisch, liebevoll spöttisch als "ach, Quatsch" abtun will, wiederholt man das betreffende Wort und setzt ein "Schm-" davor. Das klingt etwa so:
"Mutti, Mutti, Doktor Freud hat gesagt, ich hätte einen Ödipus-Komplex!"
"Ach, Ödipus Schmödipus! Hauptsache, du hast deine Mama lieb.!


Eine weitere Form der Reduplikation ist eine mit "Ablaut"; im Deutschen wechselt man dabei gewöhnlich von i zu a, wie in tick-tack oder zickzack. Oder Hickhack. Im Englischen gehts häufig von i nach o: hip hop. Oder halt be [sprich bi] bop.

Fußnote:

(1) Was auch immer (quidquid) du tun mögest: tu es wohl und schau auf das Ende! (Latein)

Samstag, 1. Juni 2013

Eilige Geschäfte (00)

Die Rede ist von einem Haus, auch Häusl, mit dem Herz in der Tür (warum eigentlich?): im Englischen u.a. house of ease ('Haus der Erleichterung'), tŷ bach im Walisischen ('kleines Haus', bzw. eben 'Häusl'). Ursprünglich war dies außerhalb des Hauses, etwa im Garten, und aus Geruchsgründen war das auch sinnvoll. Da mußte dann eben "auch der Kaiser zu Fuß hin". Toiletten im Haus, auf der Etage oder gar in der Wohnung, waren daher verpönt, bis das Wasser-Closett dem Geruch ein Ende bereitete. Im Italienischen heißt es oft schlicht Water (2), und weil's nicht mehr riecht, sagt man im Spanischen Inodoro. Zivilisiert eben.

Abgesehen von vulgären Ausdrücken wie Sch***haus (man beachte die elegante Umschreibung!) ist der wohl urigste deutschsprachige Ausdruck der Abort, was laut Grimmschem Wörterbuch "abgelegener Ort" oder gar "heimliches Gemach" heißt. Ähnlich auch der Abtritt, "für welchen die sprache eine menge andrer namen bietet", etwa (zu Grimms Zeiten) das goldige Läublein.. Meyers Konversations-Lexikon kennt Ende des 19. Jahrhunderts noch eine ganze Reihe Synonyme, die wir so nicht mehr gebrauchen, etwa Appartement, Kommoditee, oder Privet (auch im Englischen).

Demgegenüber hat Latrine einen freudlos-militärischen Klang. Sie bezeichnet ja auch die Mannschaftstoilette und war oft nur ein wenig hygienischer Donnerbalken.

Eine Definition auf Esperanto: Necesejo estas loko por feki kaj urini. Von necesa ('notwendig'): ein loko (also 'Ort', 'Örtchen') für große und kleine Geschäfte (daher im 17. Jhd im Englischen auch house of office. Übrigens: number one: kleines Geschäft, number two: großes Geschäft). Im loko steckt natürlich das lateinische locus ('Ort'), unser Lokus, das "stille" Örtchen. Der Ort, wohin man sich zurückzieht, derhalben man früher auch Retirade sagte (vgl. engl. to retire = sich zurückziehen), im Spanischen auch retrete.

Die 00 auf der Toilettentür dürfte übrigens mit Zimmernummern im Hotel zusammenhängen: die Toilette war zwar ein Raum, aber kein Zimmer!

Englisch: WC = water closet = flush toilet.. Toilet bezeichnete ursprünglich (nachweisbar seit dem 16. Jahrhundert) im Französischen einen Kleiderbeutel oder eine Abdeckung aus Stoff, später überhaupt Kleidung, dann auch den Ankleideraum (2), und schließlich das, was er idealerweise auch hatte: das Closett. Von diesem, dem abgeschlossenen (und abschließbaren) Raum stammt auch unser Klo. Das doch sehr Private des Raums betont das privy, ein sehr alter Ausdruck (frühes 13. Jahrhundert)

Ein seltsames englisches Slangwort ist John, daneben auch bog ('Sumpf') oder loo. Das letztere stammt aus den Zeiten, als man noch den chamber pot (= Nachttopf) ungeniert aus dem Fenster schüttete. Um Passanten zu warnen, rief man "garde à l'eau' ('Achtung, Wasser!'), und l'eau wurde loo. Das ist zumindest eine Theorie, und wenn's nicht wahr ist, ist es doch ben' trovato. Ein geradezu charmanter Ausdruck für das, was sich außer Wasser noch im Nachttopf befand, ist übrigens night soil, Schmutz der Nacht.

Zu den mehr oder weniger gelungenen Euphemismen für die Toilette gehört im Englischen das lavatory, eigentlich der Waschraum, (zu frz. lavoir, waschen. Eigentlich aus dem Lateinischen, von lavare und sogar lavatorium) und der vor allem im oft so prüden Amerika reflexhaft übliche bathroom ('Mummy, the dog went to the bathroom on the lawn.'). Auch powder room war gebräuchlich, die Dame ging mal eben das Näschen pudern.

Französisch: Cabinet de toilette: cabinets ou toilettes. Siehe oben.

Wer übrigens online unterwegs ist und eine Toilette sucht - hier ist eine:

Schließlich noch: Der bekannte österreichische Schriftsteller Peter Handke hat ein Buch vorgelegt, das sich ebenfalls mit der Toilette beschäftigt:

Versuch über den Stillen Ort ,
Suhrkamp Verlag; Oktober 2012;
ISBN-10: 3518423177

Damit ist das Thema ja nun endgültig salonfähig...

Fußnoten

(1) Laut Wikipedia in Argentinien gelegentlich wohl Vatercló

(2) "Das Ankleiden und Schmücken eleganter Frauen heißt auch Toilette machen und ihre Ankleidezimmer heißen Toilettenzimmer;. aber auch ihren Anzug und Schmuck zusammen nennt man Toilette" Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon von 1841

Zeitungen in den Staaten



Eine Blütenlese

In den USA gibt es zahllose Zeitungen (noch), und vielfach verraten die Namen einiges über die Rolle, die ihre Begründer ihnen zugedacht hatten. Da gibt es Prüfer, Wächter und Aufpasser, Bürger und Unabhängige, aber auch Herolde, Sonnen und Sterne, tägliche Boten und treue Berichterstatter.
Ach ja, und Dutzende von Times. Es waren halt auch bewegte Zeiten...

The Times (Auswahl)

Los Angeles Times
The New York Times
The Times (Shreveport), Louisiana
The Times of Northwest Indiana

The Seattle Times, Oregon
Quad-City Times, W. Illinois and E.Iowa
The Times (Trenton), New Jersey


Aber manchmal gibt es auch das Besondere, und eine Zeitung heißt gar nach dem Esel seines Gründers (raten Sie mal, welche!). Hier eine kleine und naturgemäß unvollständige Liste.

Arctic Sounder [Arktisches Echolot]
Arizona Republic
Arkansas Traveler [das ist eigentlich ein Lied, und zwar seit 1987 offiziell “ state historical song”]
Berkeley Daily Planet [so heißt auch die Zeitung bei Superman in den DC Comics]
Berkshire Eagle (1789) [dieser Adler stammt aus der Zeit der Französischen Revolution]
Big Bear Grizzly [der Ort heißt Big Bear, also heißt der Grizzly auch so]
Burlington Hawk Eye [Falkenauge sei wachsam!]
Chicago Defender
Chicago Tribune [wer hier von “die Chicago Tribune spricht, mißversteht was: die Zeitung ist der Volkstribun aus der “windigen Stadt”]
Citizen
Creative Loafing [kreatives Rumgammeln – Tampa, Florida]
Curry Coastal Pilot
Daily Comet [sowas wie Supermans Daily Planet]
Daily Triplicate [mit doppeltem Durchschlag?]
Fresno Bee [einige Zeitungen heißen Biene, wohl aus historischen Gründen (Biene=Fleiß usw)]
Hartford Courant (1764 - the oldest daily)[hält au courant – auf dem Laufenden]
Hooker Advance [Hooker ist ein Kaff in Oklahoma und hat knapp 2000 Einwohner sowie eine Zeitung; wörtlich übersetzt heißt der ganze Titel “Vorschuß für die Nutte”]
Jackson Citizen Patriot
Kearney Hub [Hub heißt Nabe; keine Ahnung, warum eine Zeitung so heißt]
Kentucky New Era
Laramie Boomerang

Louisville Eccentric Observer [es gibt etliche Eccentrics, vor allem in Michigan]
Memphis Flyer [der Flieger (nicht das Flugzeug!) aus Memphis, Tennessee]
News-Sickle-Arrow (Black Earth, Wisconsin – gut 1 300 Einwohner) [Nachrichten-Sichel-Pfeil – warum auch immer: der Website war nichts zu entnehmen]
Nordamerikanische Wochen-post [eine der letzten deutschsprachigen]
Paper of Montgomery County [klare Sache: die Zeitung vom Montgomery County]
Philadelphia Inquirer [der Nachfrager]
Plain Dealer (Cleveland) [sowas wie Der ehrliche Händler]

Progress-Index
Public Opinion [die öffentliche Meinung – ein schöner Name für eine Zeitung]
Recorder {Berichterstatter;der, der alles aufschreibt]
Sentinel & Enterprise [Wächter und Unternehmungsgeist]
Shepherd Express (vorher: Crazy Shepherd) [der Rasende Schäfer ist eine alternative Wochenzeitung]
Shrewsbury Lantern
Star-Ledger (Newark) [Sternen-Hauptbuch – wg. astrologischer Buchführung vielleicht]
Times Of Earth [hallo Erdlinge: das ist eure Zeitung]
Times-Picayune (New Orleans) [ursprünglich kostete das Blatt wohl einen Picayune, also einen halben spanischen Real (bis Mitte des 19. Jhds auch in einien Südstaaten Zahlungmittel)] vgl. Picayune Item aus Picayune, Misissippi
Today's Sunbeam [Der heutige Sonnenstrahl!]
Umpqua Post [Reedsport, Oregon, nicht Umpqua]
Vindicator [Rechtfertiger]


na, erraten? Die Zeitung, die nach einem Esel heißt, ist der Laramie Boomerang

Mittwoch, 1. Mai 2013

Vielerlei Sprache

Zum Beispiel Norwegisch: das ist eigentlich keine Sprache, sondern zwei. Die eine, Bokmål, ist eigentlich eine Form von Dänisch (bzw. städtisches Oslo-Norwegisch). Diese Form wird von den meisten der ca. 5 Millionen Norweger benutzt. Daneben gibt es aber auch Nynorsk, Neu-Nordisch, das früher einmal Landsmål hieß, eine romantisierend-rekonstruierte Form des "eigentlichen" Norwegisch, der Sprache der (west-norwegischen) Landbevölkerung. Beide sind geschriebene Formen der Sprache; gesprochen zerfällt Norwegisch in viele Dialekte, was angesichts der Abgeschiedenheit vieler Fjorde auch kaum wundert.
Beispiel: "Ich komme aus Norwegen"

Bokmål: Jeg kommer fra Norge

Nynorsk: Eg kjem frå Noreg


Oder Shqip, Albanisch: Ähnlich wenige Sprecher (halb so viele wie Bayern Einwohner hat!), aber eigentlich auch zwei Sprachen. Im Norden (und im Kosovo) Gegisch (Gegërisht), im Süden Toskisch (Toskërisht). In jeder Hinsicht, sei es in Wortschatz, Aussprache oder Grammatik zwei recht unterschiedliche Idiome.
Beispiel: "was?" Toskisch: çfarë? Gegisch: qysh?

Oder Serbokroatisch, Srpskohrvatski: das war mal eine Sprache (eigentlich hat das nie gestimmt!), jetzt sind es zwei (oder mehr). Solange es Jugoslawien und Jugoslawen gab - dem Namen nach alles "Südslawen" - war dies die offizielle Amtssprache. Natürlich gab es auch damals schon gravierende Unterschiede in Wortschatz wie Aussprache, aber das nannte man damals Dialekte. Inzwischen ist Jugoslawien zerfallen, die Harmonie der südslawischen Brudervölker dahin, und Serbisch und Kroatisch gelten als verschiedene Sprachen. Ob daneben das Bosnische zum Beispiel eine eigene Sprache ist, sollen die Bosnier sagen. (Wenn man die Faustregel anwendet, alles was mit kyrillischen Buchstaben geschrieben wird, sei Serbisch, dann steht Bosnisch wohl dem Kroatischen näher).
Beispiel: "Guten Tag!" Kroatisch: Dobar dan! Serbisch: Добар дан!

Häufig ist das, was als Sprache gilt, eigentlich nur eine (für Außenstehende meist undurchsichtige) Gemengelage von Dialekten. So etwa das Baskische: es zerfällt in die Dialekte von Bizkaia, Gipuzkoa, Araba und Nafarroa in Spanien und von Lapurdi, Nafarroa Beherea und Zuberoa in Frankreich; eigentlich besteht Baskisch aus noch viel mehr Dialekten. Dies sind nur die Hauptgruppen. Recht betrachtet, spricht man in jedem Tal irgendwie anders. Und das bei vielleicht 700 000 Sprechern!
Beispiel: elf (11) Guipuzkoanisch: amaika; Bizkainisch: ameka;
Lapurisch: hamaka; Zuberoa: hameka
Beispiel: "Ihr habt es" Bizkainisch: dozue; Guipuzkoanisch: dezute;
Ronkalesisch: tzei; Zuberoa: düzüe
"Baskisch" heißt ezkuera, euskala, uskera, eskara, eskoara, je nachdem...

Oder Romantsch, Rätoromanisch. Es wird vor allem in den - auch hier wieder: Tälern - des Schweizer Kantons Graubünden gesprochen, von geschätzt 60 000 Menschen. Und auch hier gilt: in jedem Tal anders. Man unterscheidet Surselvisch, Sutselvisch, Surmeirisch, Puter, Vallader und Jauer. Die letzten beiden heißen auch Rumantsch Grischun und werden gern als "chara lingua da la mamma, tü sonor rumantsch ladin" besungen. Und das sind erst die "Schriftsprachen".
Damit verwandt, aber nicht identisch ist übrigens Ladinisch. Gesprochen (in ein paar Südtiroler Tälern) von einer sprachlichen Minderheit wie es kaum noch kleiner geht (30 000), zerfällt es doch auch in fünf Dialekte, nämlich Maréo/Badiot, Gherdëina, Fascian, Anpezan und Fodom.
Beispiel: "Wie schön du bist!" Surs.:Tgei bi che ti eis! Sut.: Tge beal ca tei es
Surm.:Tge bel tgi te ist! Putér: Che bel cha tü est!
Vallader: Che bel cha tü est! Jauer: Tge bel che ti es!

Um halbwegs einen Bogen zu schlagen zum Anfang des Artikels, einmal eine Sprache aus einer Landschaft ganz ohne Täler (aber auch ohne Fjorde): Friesisch. Gesprochen von immerhin (fast) einer halben Million Sprechern in den Niederlanden und in Deutschland. In der niederländischen Provinz Fryslân, die im auch die westfriesischen Inseln einschließt, nicht mehr auf den ostfriesischen (in Niedersachsen), wohl aber auf den nordfriesischen Inseln (in Schleswig-Holstein). In Ostfriesland spricht man heute ein Platt mit gelegentlichen friesischen Einsprengseln, ansonsten ist die Sprache hier schon lange tot (mit Ausnahme der Gemeinde Saterland in Kreis Cloppenburg: dort sprechen noch ein paar Handvoll Leute das sog. Saterfriesisch). Auf den nordfriesischen Inseln hingegen lebt die Sprache noch, und zwar in zehn verschiedenen Dialekten mit zehntausend Sprechern.
"Vater unser im Himmel" auf Mooringer Friesisch (aus der Gegend im Niebüll): Üüsen Tatje önj e hamel
und auf Föhrer Inselfriesisch: Üüsens Aatj ün hemel

Es fällt auf, dass es oft gerade die sehr kleinen Sprachen mit nur wenigen Sprechern sind, die - scheinbar 'unnötigerweise' - auch noch in viele Dialekte zersplittert sind. Und doch: eigentlich kein Wunder. Zum einen fehlt solchen Sprachen meist ein gemeinsamer Standard, wie ihn die Medien setzen. Vielfach sind sie Teil der mündlichen Kultur und praktisch ohne verbindliche Schriftform. Da sie als Minderheitensprachen in einem anderssprachigen Umfeld bestenfalls toleriert werden, scheint ihren Sprechern sozialer Aufstieg nur in der dominanten Sprache des Landes möglich, bestenfalls trotz, aber nicht wegen ihrer eigenen Sprache. Ein Baske, der Karriere macht, wird das wahrscheinlich im Spanischen tun und seine baskische Identität ist dabei nachrangig.

Oftmals ist die Minderheitssprache das Einzige, was der jeweiligen Kultur als typisch eignet. Es gilt mithin, das Alte zu bewahren; die Sprache bleibt konservativ und entwickelt sich kaum noch spontan (1); meist sind es auch nur Angehörige der älteren und ältesten Gneration, die sie gut sprechen. So kommt es oft zu einem romantisierenden Rekurs auf vermeintlich bessere Zeiten.

Die "Fryske frijheidt" findet der Friese nur noch in seiner Sprache.


Fußnote

(1)
bezeichnenderweise werden Neologismen, Bezeichnungen etwa für neue Dinge, aus der dominanten Sprache übernommen


Trinkgefäße

Die Glockenbecherkultur – ein steinzeitliches (mehrere Jahrhunderte um die Mitte des 3.
vorchristl. Jahrtausends) Volk, von dem wir fast nichts wissen, als dass es erste metallverarbeitende Techniken beherrschte und dass es mithin an der schwelle zur Bronzezeit stand. Ach ja, und dieses Volk hinterließ Keramikbecher in glockenähnlich-eleganter Form, so dass man sie eben nach diesen auch benennt. (1)
Wir fassen zusammen: eine Kultur, die nach einem Trinkgefäß benannt ist. Wie man vielleicht die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts irgendwann einmal als Coladosen-Kultur bezeichnen wird. Obwohl, -kultur...?
Dieses Volk (engl. beaker people; frz. (weniger griffig) Culture campaniforme) stellte die für sie typischen Keramik-Trinkgefäße in Becherform her. Dies ist vielleicht der Urtyp des Flüssigkeitsbehälters und neben der hohlen Hand und vielleicht der einen oder anderen Schalenfrucht (Kürbisse oder Kokosnüsse: in unseren Breiten wächst da nix Geeignetes, da muss man seine beakers schon selbst herstellen). Wahrscheinlich so ziemlich der älteste. Was aber ist eigentlich ein Becher?

Wenn man das anschaut, was eine Internet-Suchmaschine an Bildern zum Thema anschleppt, kommt man auf ein paar vermutlich grundlegende Merkmale, wie etwa „kein Stiel” oder „meist schlicht in der Form”, aber wie steht es zum Beispiel mit dem Material? (Becher sind nicht immer irden: denken Sie z.B. an Papp-Becher. Aber: gibt es Becher z.B. aus Gold?) Wie steht es mit Henkeln? Ist ein Becher mit Henkeln überhaupt einer? Was soll eine „Bechertasse” sein – ein Becher oder eine Tasse? Sie hat jedenfalls einen Henkel, wie jede anständige Tasse. (Im Englischen sagt man mug, was ungeklärter Herkunft ist und nicht mit dem Slangwort für Gesicht zusammenhängen dürfte. Jedenfalls sagt man nicht beaker).


edel: (Trink)gefäße der alten Griechen. Sie kommen in diesem Artikel nicht weiter vor.
Überhaupt Tassen: Meist sind sie aus Keramik oder Porzellan (davon das feinste heißt im Englischen bone china (interessanterweise heißt „china” ja „porzellan”. Aber warum „knochen”?) Wenn Wikipedia recht hat, kommt da Knochenasche mit hinein. Na denn man Prost!). Sie reizen oft zum Kleinen-Finger-Abspreizen, während man den Tee zum Munde führt. Für bodenständigeres gibt es die oben erwähnten mugs. Tassen sind cups, und das hängt mit unserem „kopp” zusammen (im Sinne von Schädel). Man will’s nicht glauben, aber die Etymologen sind sich so ziemlich einig: Weil die Wikinger gern mal ihren Met aus den Schädeln erschlagener Feinde tranken, heißt das zierliche Tee-Tässchen „cup”!? Vielleicht stimmt das mit den erschlagenen Feinden nicht so ganz, aber das mit dem Kopp schon.


möge der Met munden

A propos Köpfe der erschlagenen Feinde, bzw. alte Germanen. Diese trugen nachweislich niemals Helme mit Hörnern (wie auch die Flederwische am Helm von Asterix frei erfunden sind). Die Hörner sind eine Zutat des 19. Jahrhunderts und haben mehr mit Richard Wagner zu tun als mit tatsächlichen Germanen. Hörner aber benutzten unse Vorfahren schon: man konnte Musik damit machen – wie auch mit dem Gemshorn, das noch „musikalischer” ist – aber vor allem trank man daraus. Schäumenden Met, oder was sonst zur Hand war, um sich zu berauschen. Also keinen Wein.

Denn den Weinanbau führten die Römer ein. Das Getränk kannten sie aus dem sonnigen Italien, und ohne Wein war das raue Germanien nur schwer zu ertragen, auch wenn man der privilegierte Besatzer war. So musste man eben den Wein importieren oder versuchen, ihn auch in der Fremde anzubauen. Was die Römer zu dem Weinbau noch einführten, war das passende Gefäß. Und das war, wie auch immer seine Form, aus Glas. Inzwischen trinken wir nicht mehr aus dem Trinkhorn, und statt Met trinken auch Germanen inzwischen ganz ordentliche Mengen Wein, auch sehr gute Tropfen aus heimischen Gefilden (denn auch die ganze Winzerei wird hier praktiziert). Und überhaupt sind wir, welterfahren und vielgereist, inzwischen auch ein Volk von Weinexperten, wissen den schweren, süßen Mavrodafne aus Griechenland vom leichten Beaujolais primeur zu unterscheiden, und selbstverständlich den Riesling vom Pinot Grigio.


feine Unterschiede zählen

Und, was wichtig ist, wir wissen, dass man Wein dekantiert (dass er atmen kann), und welchen Wein man zu welcher Speise genießt, überhaupt: welchen Wein vor, und welchen nach dem Essen. All das wissen wir, und selbstverständlich wissen wir auch, welcher Wein in was für ein Glas gehört. Es wäre ja geradezu eine Sünde, einen Dessertwein (das ist der Wein nach dem Essen) aus einem Sherryglas (woraus man ja seinen Aperitif trinkt - vor dem Essen) zu trinken! Und aus dem Römer trinken wir eigentlich kaum noch: der ist doch eher veraltet. Am edel gedeckten Tisch arbeiten wir uns so durch die Gläser (wie man das ja auch beim Besteck tut).

Nur die Biertrinker sind ein wenig problematisch, denn sie haben die Gläser nicht (noch nicht?) konsequent systematisiert. Ansätze gibt es wohl, etwa das Weißbierglas, die Pilstulpe oder die „Stange” für’s Kölsch; aber ansonsten scheint es dem Biertrinker egal, aus welchem Gefäß er trinkt. Manche trinken ja sogar aus dem Krug!! Ja, aus der Flasche!!!


doch irgendwie alle ähnlich...


Weil wir gerade bei der Flasche sind: Ein Baby, das nicht mehr gestillt wird, trinkt seine Milch aus der Flasche, weil’s praktisch ist. Als Studenten haben wir so ziemlich alles aus dem Senfglas getrunken (2) und täten das in der Not wohl immer noch. Und neben Glas und Porzellan gibt es noch andere Materialien für das Trinkgefäß; Horn und Keramik wurden bereits erwähnt, aber es gab/gibt auch Gefäße aus Metall (sehr oft Zinn), Tassen aus Holz (in Nordskandinavien: siehe Bild in Fußnote 3) und in neuerer Zeit Becher aus gewachster Pappe (mit Deckel, für den Kaffee „to go”) und aus buntem Plastik. Und es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis jemand ein Trinkgefäß aus „intelligentem” Material erfindet (iMug?),

Wir können es abwarten.

Fußnote:
  1. Der englischsprachige Wikipedia-Artikel hat übrigens eine völlig andere Karte des vermuteten Verbreitungsgebiets als der deutschsprachige; letzterer kennt nur Spuren, wo der erstere die Becherleute fast überall in Europa ansiedelt...
  2. Ein schönes Beispiel für den Wiederverwertungs-Gedanken: Wenn kein Senf mehr im Glas ist, wird es gespült und kann dann als Trinkglas verwendet werden. Selbstverständlich wurde der Senf-im-Glas deswegen gekauft, und vielleicht wäre ein Senf im Plastiktöpfchen billiger gewesen, so dass man sich ein Glas hätte dazukaufen können. Aber es war halt praktisch.
  3. Und so sieht eine traditionelle kuksa aus Finnland aus: